Bewegen

Was braucht Europa?

von Sarah Emminger

Letztes Jahr ging es im Markt der Zukunft-Magazin um Erfolgsfaktoren von Bewegungen. Dieses Jahr haben wir die Aktivistin Nini Tsiklauri zum Gespräch getroffen. Die ehemalige NEOS-Politikerin brachte die Bewegung Pulse of Europe” nach Österreich. Sie findet, dass die EU kalt und unnahbar wirkt. Trotzdem brennt sie für Europa.

„Berlin, spürst du die Luft nach oben?“ – Spaziert man Mitte August durch die deutsche Bundeshauptstadt, kommt einem dieser Satz immer wieder unter. Weiße Schrift auf buntem Hintergrund – grün, gelb, rot, blau, lila. Darunter steht etwas kleiner, aber in Großbuchstaben: „ZUKUNFT MADE IN EUROPE”. Es handelt sich um ein Plakat der Europapartei Volt, mit dem sie für die Bundestagswahl im September wirbt. Die paneuropäische Partei wurde 2017 gegründet und ist heute in über 30 Ländern vertreten. Auch in Österreich, aber hier sagt sie den meisten nichts. „5+1 Herausforderungen für die EU” hat die Partei sich vorgenommen: Digitalisierung und Bildung, Stärkung der Wirtschaft, soziale Gleichberechtigung, mehr EU-Verantwortung für globale Herausforderungen, eine politisch aktive Bürgerschaft über Wahlen hinaus und – das +1 – eine EU-Reform. Denn man liebe die EU zwar, aber es gebe natürlich Raum für Verbesserung. Der deutsche Volt-Kandidat Damian Boeselager schaffte es 2019 ins Europaparlament und in den Niederlanden sind gleich drei Volt-Politiker*innen Mitglieder der Tweede Kamer, der zweiten Kammer des Parlaments. Ansonsten ist die Partei hauptsächlich in Städten, Gemeinden und Bezirken Deutschlands, Italiens und Bulgariens vertreten.

Ein Wahlplakat der Europa-Partei Volt in Berlin.

Ein demokratischeres und transparentes Europa, das Verantwortung übernimmt – ist das eine Vision, mit der man bei Wahlen erfolgreich sein kann? Braucht es Bewegungen für die EU, damit sie nicht auseinanderfällt? Ist Europa in Gefahr? Zumindest die letzten beiden Fragen würde Nini Tsiklauri definitiv mit „Ja” beantworten. Sie ist zwar kein Mitglied bei Volt, verfolgt mit ihrer proeuropäischen Bewegung „Pulse of Europe” aber ähnliche Ziele. Als Ex-Politikerin ist der Meinung, mit Aktivismus mehr weiterbringen zu können als in einer Partei. Sie hat mit 29 Jahren bereits eine lange Biographie vorzuweisen. 2020 erschien ihr Buch, in dem sie unter anderem von ihrer Kindheit in Georgien erzählt. Gemeinsam mit ihren Eltern flüchtete sie vor dem dort herrschenden Bürgerkrieg für einige Jahre nach Ungarn, später zogen sie nach Deutschland. Dort spielte Nini die Rolle der Layla Farsad in der Jugendserie „Schloss Einstein“ und wurde im deutschsprachigen Raum quasi über Nacht zu einer bekannten Kinderschauspielerin. Irgendwann begann sie ihr Leben vor der Kamera als zu oberflächlich wahrzunehmen. Sie fühlte einen inneren Drang, Teil einer Veränderung sein zu wollen und etwas zu bewirken. Daher kehrte Nini ihrer Schauspielkarriere den Rücken und begann, sich in Wien als Aktivistin zu engagieren. Ihr anfängliches Ziel: Georgien zum EU-Beitritt verhelfen.

Ein schwaches Europa

„Nicht viele Georgier*innen sind in Europa aufgewachsen und haben dort eine Reichweite. Ich dachte mir: Wenn ich das nicht mache, macht das niemand“, sagt sie und zieht am Strohhalm ihrer Limettenlimonade. Wir sitzen an einem heißen Julitag im siebten Wiener Gemeindebezirk, im Schanigarten des Cafés Europa – Ninis zweitem Wohnzimmer. Ihr Kleid ist knallrot, das Gesicht ungeschminkt. Ihre Augen sehen müde und besorgt aus, wenn sie über die aktuelle Lage der EU spricht. Ursprünglich wollte Nini zurück nach Georgien gehen, um die Menschen dort zu unterstützen und vor Ort eine neue, proeuropäische Bewegung zu gründen. Europa sei aber derzeit zu schwach und am Auseinanderklaffen. „Ohne verlässliche Partner in der EU werde ich in Georgien nicht viel weiterbringen können“, sagt sie seufzend. Deshalb will sie mit ihrer Arbeit die Europäische Union stärken und andere von ihren Vorteilen überzeugen. „Unsere Generation wurde in die EU reingeboren. Europa ist zum Alltag und selbstverständlich geworden. Die Leute setzen sich kaum damit auseinander“, so Nini. Man habe es noch nicht geschafft, das Projekt EU zu einer Emotion zu machen. Nach dem Brexit-Referendum hätten beispielsweise viele junge Brit*innen zu spät gemerkt, wie viele Vorteile ihnen die EU brachte.

Österreichs Demo-Kultur

Der Brexit führte Nini zum Aktivismus. Aus der Krise heraus gründete 2016 ein deutsches Rechtsanwaltspaar die Bürgerinitiative POE (Pulse of Europe). Die Bewegung bezeichnet sich als unabhängig und wird ausschließlich von Spendengeldern finanziert. Ihr Ziel? Ein vereintes, demokratisches Europa. Dafür gingen Europäer*innen vor der Pandemie in 180 Städten gleichzeitig auf die Straße, jeden Sonntag um zwei Uhr nachmittags. Nini holte POE nach Österreich, nachdem in anderen Städten bereits tausende Menschen demonstriert hatten. Auch danach blieb die Bewegung hier eher klein. In Wien beschränkte sich die Teilnehmerzahl auf knapp 500, während in München teilweise 7500 Menschen demonstrierten. „Wir wurden von unseren Kolleg*innen europaweit belächelt, aber immerhin waren wir in den Medien präsent“, erinnert sie sich.

In Österreich werde das Recht auf Demonstrationen, beispielsweise im Vergleich zu Berlin, eher selten genutzt. „Wien ist zu gemütlich. Wenn die Leute hier einen Konflikt haben, bereden sie ihn bei einem Schnitzel und einem Spritzer, aber nicht bei einer großen Demo”, sagt Nini. „Und wenn die Leute auf die Straße gehen, dann eher aus parteipolitischen Gründen oder um gegen statt für etwas zu protestieren: gegen Maßnahmen, Politiker oder Parteien.” Die Hemmschwelle, sich auf eine Demo zu begeben, sei für manche Leute zu groß. Sie hätten Angst, als radikal abgestempelt zu werden. Demonstrieren sei aber eigentlich etwas Wunderschönes. „Wir wollten zeigen, dass es ein politisches Recht ist und wir es als solches feiern sollten.“ Drei Generationen mit verschiedensten politischen Backgrounds nebeneinander auf der Straße zu sehen, war für Nini das Schönste daran.

Sprung in die Politik

Für eine Weile steckte sie ihre ganze Kraft in die aktivistische Arbeit. Sie organisierte jede Woche eine Veranstaltung am Wiener Karlsplatz, wo Menschen am offenen Mikrophon ihre Meinungen über Europa teilten. Es war oft schwierig für sie, abzuschalten. „Ich dachte jeden Tag beim Aufstehen und beim Einschlafen an die Bewegung und brannte sehr dafür“, sagt sie heute und war damit nicht allein. Manche ihrer Kolleg*innen in Frankfurt gaben sogar ihre Kinder in Betreuung, um sich dem Aktivismus intensiver widmen zu können.

Durch die Kundgebungen am Karlsplatz lernte Nini nicht nur Leute mit ganz persönlichen Europa-Geschichten kennen, sondern auch Menschen aus der Politik. Vor allem NEOS-Vertreter*innen nahmen regelmäßig an ihren Veranstaltungen teil und baten sie letztendlich, auf ihrer Liste für die Europawahl 2019 zu kandidieren. Nach langem Überlegen stimmte sie zu, bewarb sich bei den NEOS und kam nach einem mehrstufigen Verfahren auf Listenplatz 5. Das reichte allerdings nicht für ein Mandat im Europaparlament, also zog sich Nini nach der Kandidatur wieder ins Überparteiliche zurück. „Die aktivistische Arbeit ist für mich wichtiger als die politische. Menschen schenken einem mehr Vertrauen und das Gemeinschaftsgefühl ist stärker”, erklärt sie diese Entscheidung. Dazu kommt, dass der Wahlkampf nicht gerade einfach für sie war. In einigen Podiumsdiskussionen war sie die einzige junge Frau. „Das wurde gezielt gegen mich eingesetzt, um mich öffentlich abzuwerten. Die anderen Parteien haben mich verniedlicht und warfen mir vor, dass ich nur Blümchenpolitik betreibe“, sagt Nini zwei Jahre später. An den NEOS kritisiert sie heute, dass sie mit ihrer Kampagne für Vereinigte Staaten von Europa im Wahlkampf zu schnell nach vorne geprescht seien: „Für so etwas waren die Leute noch nicht bereit. Wir haben damit viele potentielle und eigentlich proeuropäisch gestimmte Wähler abgeschreckt.“

Bei der Europawahl 2019 kandidierte Nini Tsiklauri für die NEOS.

ÖVP versus Karas

Um „Pulse of Europe” ist es pandemiebedingt in letzter Zeit still geworden. Die Veranstaltungen mussten ins Digitale verlegt oder abgesagt werden, im Oktober wird in einer großen Konferenz über einen Neustart gesprochen. Auch andere Projekte, an denen Nini gearbeitet hatte, fielen ins Wasser. Darunter eines, das zu den Großen hätte zählen können: Die Konferenz zur Zukunft Europas. Zwei Jahre lang wäre Nini für die EU durch die Bundesländer gereist und hätte Bürger*innenkonvente auf die Beine stellen wollen. Sie hatte bereits eine Fixanstellung, bevor Corona und der dadurch ausgelöste Crash kamen. Der Bund kürzte die Förderungen für die Konferenz und das Bürger*innen Forum Europa, für das Nini arbeitete. Die Mitarbeiter*innen wurden entlassen und viele Projekte konnten nicht stattfinden. Nini sieht darin einen Angriff der ÖVP auf ihr eigenes Parteimitglied Othmar Karas. Der langjährige Europaparlamentarier ist Vorsitzender des Forums. „Er gibt der türkisen ÖVP Konter, das wird nicht gern gesehen. Man will ihn mit allen Mitteln aus dem Spiel bringen“, sagt sie. Von der Europapolitik der Regierungspartei ist sie nicht überzeugt. „Player wie Sebastian Kurz sind eine große Schwäche und Herausforderung der EU. Er hätte die Möglichkeit gehabt, einen großen Europäer zu spielen und als junger Politiker etwas anders zu machen. Was das angeht, ist er aber kein Idealist“, so Nini.

Fridays for Future, aber auch für Europa

Da es mit dem Aktivismus gerade schwierig ist, hat Nini sich einen neuen Job gesucht. Sie ist jetzt Texterin in einer Wiener Marketing-Agentur und will für zukünftige EU-Projekte lernen, wie man Leute über soziale Netzwerke am besten erreicht. Ihre aktuell größten Wünsche? Eine Greta Thunberg für Europa und ein Netflix-Film. „POE fehlt eine charismatische Figur, um die Leute mitzureißen. Eigentlich bräuchten wir so etwas wie Fridays for Future, aber für Europa. Menschen, die ihre Entscheidungsträger*innen unter Druck setzen und einen Neustart für Europa fordern.“

Aktuell wirke die EU kalt und unnahbar. Dem würde sie gerne mit einer Doku entgegenwirken. „Ein Film, in dem die Kämpfer*innen für Europa gezeigt werden, könnte vieles verändern“, meint Nini. Derzeit fehle es ihr dafür an Mitteln und Know-How. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt? Vielleicht ist sie in ein paar Jahren nicht nur als Autorin, Aktivistin, Schauspielerin und Politikerin bekannt, sondern auch als Filmemacherin.

Drei Fragen an Nini Tsiklauri...

Deine Reaktion auf den Brexit?

Wie fühlst du dich, wenn du an die nächsten EU-Wahlen denkst?

Was empfindest du für die Europäische Union?

Infobox: 

Wer sich für Aktivismus und Bewegungen interessiert, kann von 1. bis 3. Oktober beim diesjährigen Markt der Zukunft  in Graz spannende Einblicke ins Thema bekommen. Unter anderem werden Vertreter*innen von “Fridays for Future”, “Black Lives Matter” und “Catcalls of Graz” vor Ort sein.

 

Fotos: Heidi Pein (Titelbild, 3), Sarah Emminger (2,4,5,6)