Atmen

Klagen für eine sichere Zukunft

von Nina Geier und Severin Dringel

Wenn der eigene Körper einen inneren Waldbrand entfacht, die um sich greifenden Flammen außer Kontrolle geraten und das Atmen immer schwerer wird: Mex M. spürt den Klimawandel am eigenen Körper. Jetzt wehrt er sich. Die Geschichte eines Kampfes um ein Recht auf Lebensqualität.

Die durch den Klimawandel steigenden Temperaturen wirken sich auf Mex M. verheerend aus. Er leidet an multipler Sklerose und muss ab 25° Celsius im Rollstuhl Platz nehmen. Mex musste sein Leben durch die dramatischen klimatischen Veränderungen in den letzten Jahren stark umstellen. Jetzt klagt er vor Gericht, um die Politik zum Handeln zu bewegen.

Da es in Österreich ansonsten keine Möglichkeit gab, um eine Klage gegen den Klimawandel und seine Folgen vor Gericht durchzusetzen, suchte Rechtsanwältin Michaela Krömer öffentlich nach Personen, die unter den Auswirkungen der Krise leiden. Krömer, die auf Grund- und Menschenrechte spezialisiert ist, engagierte sich gemeinsam mit Greenpeace für ein Recht auf Zukunft, um den Staat auf Grundrechte und Gesundheit aufmerksam zu machen. Nachdem Mex darauf auf Facebook aufmerksam wurde, setzte er sich mit Krömer in Kontakt und sie reichten daraufhin gemeinsam eine Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) gegen den österreichischen Staat ein. Dieser schützt Mex’s Grundrechte nicht ausreichend, da der seit Jahren mangelnde Klimaschutz in Österreich nicht rechtlich angefochten ist. Das Urteil des EGMR soll dieses Recht sicherstellen.

Daraufhin starteten sie am 2. März ein öffentliches Crowdfunding, mit dem sie innerhalb von knapp einem Monat 32.488€ einsammeln und somit genug Geld für die Einreichung der Klimaklage erreichen konnten. Gemeinsam mit Expert*innen aus den Bereichen Medizin, Meteorologie und Recht stellte Krömer danach mehrere Schriften zusammen, die am 12.April schließlich dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vorlegte. Die Entscheidung des Gerichtshofes ist noch ausständig. 

Mex M.

Mex M.

Klimakläger

“All die Maßnahmen, zu denen sich Österreich verpflichtet hat, nimmt das Land so nicht wahr”

Durch seine multiple Sklerose-Erkrankung macht sich der Klimawandel bei Mex besonders stark bemerkbar. 80% aller Menschen mit dieser Krankheit leiden am sogenannten Uthoff-Syndrom. Je höher der Temperaturanstieg desto schwerer arbeitet die Muskulatur und desto weniger kann man diese nervlich kontrollieren. “Ich vergleiche das gerne mit einem ferngesteuerten Auto. Der Motor läuft, die Reifen drehen sich, aber die Fernsteuerung ist kaputt und man kann dem Auto keine Befehle geben”, erzählt der ehemalige Energieberater über seine Krankheit. 

Die Politik und den Staat macht Mex für die diffizile Klimasituation mitverantwortlich. Österreich zahlt seit Jahren Strafen in Millionenhöhe, weil die selbst deklarierten Klimaziele nicht eingehalten werden konnten. “All die Maßnahmen, zu denen sich Österreich verpflichtet hat, nimmt das Land so nicht wahr”, sagt Mex über die Inaktivität des Landes in Sachen Klimaschutz. Lieber zahle man Strafen, von denen im Endeffekt niemand etwas hat. Wenn es darum geht, bei Menschen das Bewusstsein zu wecken, wie man CO2-schädliche Ressourcen spart, sieht er in der Politik ebenfalls Aufholbedarf. “Als ehemaliger Energieberater weiß ich, wie schwer es teilweise ist, die Menschen auf Nachhaltigkeit aufmerksam zu machen und ihnen diesbezüglich Bewusstsein einzuhauchen.” Deshalb sei es beim ständigen Medienkonsum umso wichtiger, diese Art von Reflexion zu wecken und auch im politischen Kontext transparent zu kommunizieren. 

Adrian Hiss

Adrian Hiss

Fridays for Future

„In medialer Berichterstattung muss die Klimakrise verstärkt mitgedacht werden”

Mit anderen Bewegungen wie Aufstehen und Greenpeace unterstützt auch Fridays for Future unterstützt wie die europäische  Klimaklage. So zeigen sie sich für die Fotos auf der Homepage verantwortlich. Adrian ist Teil der Fridays for Future-Bewegung, die sich für eine klimagerechte Welt einsetzt. Eine Welt, in der Staaten für die Ausschöpfung ihrer Ressourcen geradestehen und in der das verbleibende CO2-Budget, das wir als Menschheit ausstoßen dürfen, fair auf die Weltgemeinschaft aufgeteilt wird. Je stärker dieses berechnete Budget überschritten wird, desto unwahrscheinlicher wird es, die Klimakrise zu stoppen. Laut den Zielen des Pariser Klimaabkommen lassen sich gesundheitliche Folgen für weite Teile der Weltbevölkerung minimieren, wenn die Erderwärmung +1,5% nicht übersteigt – bereits +0,5°C mehr werden fatale Auswirkungen mit sich bringen. Laut Adrian bietet jedes Problem neue Chancen: „Der Weg hin zur Klimaneutralität wird uns als Gesellschaft solidarischer und widerstandsfähiger zusammenwachsen lassen, weil wir begriffen haben, um was es wirklich geht.“

Die weltweiten CO2-Emissionen steigen und der Klimawandel wirkt sich nicht nur auf uns Menschen aus. „Langfristig gesehen müssen wir mehrere Krisen gleichzeitig behandeln können.  Wir befinden uns mitten in einem Artensterben, welches medial und gesellschaftlich kaum behandelt wird. Es fehlt an Bewusstsein“, erklärt Adrian. Österreichs Emissionen sind auf dem gleichen Niveau wie im Jahr 1990, seit den 50er Jahren warnen Wissenschaftler*innen vor den Folgen unseres Umgangs mit Kohle, Erdöl und -gas. Die Fridays for Future-Bewegung fordert ein neues Klimaschutzgesetz ein: Es brauche eine Trendwende im Verkehr und eine ökosoziale Steuerreform, die klimafreundliches Verhalten belohnt. Um diesen gesellschaftlichen Wandel zu schaffen, sei allerdings mehr Diskussion darüber nötig, wie uns die Erderwärmung schon heute betrifft. „In der medialen Berichterstattung muss die Klimakrise verstärkt mitgedacht werden. Der Diskurs wäre ein anderer, würde die Klima-Thematik in jedem Artikel, jedem Interview behandelt werden“, sagt Adrian über die globale Herausforderung, die Mex M. und die Anhänger*innen der Klimaklage um ihr Recht auf mehr Lebensqualität kämpfen lässt.

Gerhard Zoubek

ADAMAH Biohof

„Wir müssen verstehen, dass alles mit allem zusammenhängt, wir schaden uns mit unserem Verhalten nur selbst“

Auch Gerhard Zoubek ist einer der Klimakläger*innen an der Seite von Mex M. . Er gründete das Unternehmen ADAMAH Biohof, wo er Bio Gemüse und Obst herstellt und dieses regional und somit so klimafreundlich wie möglich verkauft. Zoubeks Zukunftsvision baut auf Regionalität und besteht aus hochwertigen biologischen Produkten zu fairen, wertschätzenden Preisen. Außerdem geht es ihm um Aufklärung: Kund*innen sollen über die Produktionen besser informiert werden, sie sollen ein Gefühl dafür entwickeln können, was Landwirtschaft bedeutet, um ein Verständnis dafür zu bekommen, wieviel Arbeit hinter dem angebotenen Sortiment steckt. „Wissen erzeugt Verständnis. Wenn man ein Bewusstsein dafür entwickelt, wie viel Mühe, Zeit und Energie in hochwertigen Lebensmitteln steckt, versteht man, wie absurd dieses Preisdumping unserer schnelllebigen Zeit ist“, erklärt Gerhard Zoubek. 

„Wir müssen verstehen, dass alles zusammenhängt, wir schaden uns mit unserem Verhalten nur selbst.“ Um Menschen wie Mex M. zu helfen, braucht es laut Zoubek eine Wende hin zur Menschlichkeit und Achtung vor Tieren, Pflanzen und der Mitwelt. „Und es braucht viel mehr Vorbilder, die immer wieder ihre Stimmen erheben und der Politik vor Augen führen, dass wir Veränderung brauchen!“