„Wirtschafts- und Klimakrise können nur gemeinsam überwunden werden“

Von Marie Miedl-Rissner

Regionales Essen, selbstfahrende Autos und saubere Luft: Franz Prettenthaler, Leiter des LIFE-Institutes für Klima, Energie und Gesellschaft bei Joanneum Research, gibt einen Ausblick auf die Chancen, die das Klima durch die Corona-Krise bekommt.

Seit 2002 forscht Franz Prettenthaler, der Umweltsystemwissenschaften sowie Volkswirtschaftslehre an der Universität Graz studiert hat, bei Joanneum Research. 2016 übernahm er dort die Leitung des LIFE-Instituts für Klima, Energie und Gesellschaft, das die Risiken, aber auch die potenziellen wirtschaftlichen Chancen des Klimawandels erforscht. Prettenthaler hat etwa am Klimastatusbericht Österreichs 2017 mitgearbeitet und zuletzt auch vorgeschlagen, Klimaschutz als Staatsziel festzuschreiben.

Während der Hochzeit der Pandemie gingen Bilder vom strahlend blauen Himmel über den Großstädten Chinas um die Welt. Haben Sie sich darüber gefreut?

Ja, natürlich. Ich glaube, dass es in dieser Krise wichtig ist, auch die positiven Seiten zu sehen. Es ist eine ernste Wirtschaftskrise, aber die positiven Nebeneffekte für die Natur und unsere Umwelt sind sehr stark bemerkbar und man sollte sich auch darüber freuen.

Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) warnt vor einer Euphorie und schätzt die Reduktion des CO²-Ausstoßes als kurzfristig ein. Würden Sie der WMO in diesem Punkt zustimmen?

Zunächst hat sie damit recht, dass es nach der Krise genau so weitergehen würde wie zuvor, wenn wir jetzt nicht konkrete Maßnahmen setzen. Die Wirtschaftskrise nach der Finanzkrise 2008/2009 hat gezeigt, dass trotz eines Einbruchs der CO²-Emissionen die Rückkehr zu weiterhin fossil betriebenen Wirtschaftssystemen, die Emissionen auf das alte Niveau gebracht hat. Die Chance gibt es, glaube ich, trotzdem, weil zerstörte alte Strukturen, anders aufgebaut werden können.

Sie haben von konkreten Maßnahmen gesprochen. Könnten Sie hier ein Beispiel nennen?

In Österreich ist in der Vergangenheit – insbesondere im Verkehr – kaum eine CO²-Reduktion erfolgt. Gleichzeitig ist die Situation durch die Corona-Krise nicht einfacher geworden, da vor allem der öffentliche Verkehr schwer darunter leidet. Durch die Furcht der Menschen, sich in öffentlichen Verkehrsmitteln anzustecken, wird der Privat-PKW in Zukunft eine noch größere Renaissance erleben. In Städten könnte auch der Fahrradverkehr profitieren, da die vermutlich noch länger notwendigen Abstandsregeln automatisch eingehalten werden. Viele Städte wie New York sperren Straßen, um sie ausschließlich Fußgängern und Fahrradfahrern zugänglich zu machen. Dadurch könnte der Klimaschutz von der Krise profitieren.

Wenn die Wirtschaft wieder vollständig hochfährt, ist es dann aus ihrer Sicht überhaupt möglich, durch ein Umdenken in der Gesellschaft, einen gravierenden Unterschied in der Klimapolitik zu erzielen?

Hier gibt es zwei Denkschulen, die gleich wahrscheinlich sind. Die eine geht davon aus, dass aufgrund der Schwere der Krise, alles dem wirtschaftlichen Wiederaufbau untergeordnet werden muss. Der Klimawandel ist dagegen ein Luxusproblem. Die andere Denkschule ist jedoch der Meinung, dass die Klimakrise längerfristig mit genau derselben Vehemenz bekämpft werden muss. Bisher sind in Österreich um die 500 Menschen gestorben. Im Jahr 2018 gab es über 700 Hitzetote, als Folge des extrem heißen Sommers. Diese Argumente sprechen dafür, dass wir den Weg aus der Krise mit dem Klimaschutz verbinden müssen.

Warum sind die Menschen ihrer Meinung nach bereit, wegen eines Virus ihr ganzes Leben auf den Kopf zu stellen, wollen aber für den Klimaschutz nicht einmal kleine Kompromisse eingehen?

Das hat sehr viel mit Risikowahrnehmung zu tun. Während das Klimarisiko täglich ein kleines bisschen ansteigt, breitet sich das Coronavirus schlagartig, exponentiell aus. Deshalb wird es als größere Bedrohung wahrgenommen als der Klimawandel.

Ist die Klimaerwärmung langfristig gesehen nicht genauso gefährlich, oder sogar gefährlicher als das Coronavirus?

Um das seriös beurteilen zu können, fehlt mir, so wie weltweit auch den Epidemiologen, viel Information über die langfristigen Auswirkungen des Coronavirus. Ich würde keinesfalls sagen, dass wir, als Klimaforscher, dieses Risiko kleinreden sollten. Tatsächlich ist es so, dass exakt dieselben Personen, die den Klimawandel kleingeredet oder geleugnet haben, auch jetzt das Coronavirus kleinreden oder leugnen.

Viele große Automobilkonzerne stehen aufgrund des Coronavirus vor einer wirtschaftlichen Herausforderung. Welche langfristigen Auswirkungen hat dies, ihrer Meinung nach, auf die Forschung im Bereich der alternativen Fahrzeugtechnik?

Die Elektromobilität wird einen Aufschwung erleben, wenngleich die Ölkrise derzeit Verbrennungsmotoren sehr billig erscheinen lässt. Obwohl öffentliche Verkehrsmittel aktuell durch die geringe Auslastung bedenkenlos genutzt werden können, glaube ich, dass das Thema autonomes Fahren als Alternative dazu, an Attraktivität gewinnen wird. Durch die kleineren Einheiten sind Abstandsregeln leichter einzuhalten. Da keine Chauffeure erforderlich sind, kann auch keine Beeinträchtigung der Taktdichte erfolgen.

Klimaforscher Gottfried Kirchengast sieht in den derzeit vermehrt genutzten Onlinekommunikationstools eine Möglichkeit, Dienstreisen künftig zu minimieren. Sehen Sie das auch als eine Chance, um das Klima zu entlasten und Ressourcen zu sparen?

Ja, definitiv. Erst gestern hat ein Teilnehmer einer Videokonferenz gemeint, dass es noch vor Kurzem selbstverständlich war, für einen eineinhalbstündigen Termin von Wien nach Düsseldorf zu fliegen. Die Krise zeigt jedoch, dass das problemlos mittels Videokonferenz erfolgen kann. An meinem Institut mussten wir nur ein Projekt stoppen, alle anderen laufen über Videokonferenzen sehr gut weiter.

Viele Menschen kehren derzeit zurück zu regionalen Produkten und unterstützen damit vor allem lokale Lebensmittelproduzenten. Welche Auswirkungen hat dies auf die Klimaerwärmung?

Die größte Auswirkung auf den Klimawandel ist weniger, woher wir ein Lebensmittel beziehen, sondern was wir essen. Wenn man die Emissionen eines Landes konsumbasiert betrachtet, ist die Ernährung, vor allem der Konsum von Fleisch und Milchprodukten, nach der Mobilität, insbesondere der Flugmobilität, jener Bereich, der den zweitgrößten CO²-Ausstoß verursacht. Das Thema Regionalität hat insofern eine wichtige Bedeutung, da man pflanzliche Nahrung nicht über so weite Strecken transportieren kann. Joanneum Research verfolgt hier ein Konzept, das in Städten die Lebensmittelproduktion in Fassaden und Dächer integriert. Wir haben am Science Tower in Graz einen Prototypen entwickelt. Hier produzieren wir das ganze Jahr über Lebensmittel ohne zusätzlichen Energieeinsatz. Häuser mit Dachgärten sind in zweifacher Hinsicht krisenresistent. Einerseits gewährleisten sie die Lebensmittelversorgung direkt vor Ort, andererseits kühlen sie die Stadt durch die Verdunstungskälte der Pflanzen. Damit werden 10 bis 20 Prozent an Emissionen durch die wegfallende Liefer- und Kühlkette eingespart.

Glauben Sie, dass die Menschen durch die Krise wieder ein besseres Verständnis für regionale und saisonale Produkte entwickeln und diese Einstellung auch nach der Krise weiter beibehalten?  

Dazu muss ich spekulieren. Jedoch denke ich, dass bei den Hamsterkäufen als erstes an Nudeln, Reis und Thunfischkonserven gedacht wurde. Trotzdem glaube ich, dass die eigene, lokale Produktion einen Aufschwung erlebt, da man dadurch jederzeit Zugang zu frischen Lebensmitteln hat. Durch Sprossenzucht kann man – auch in den Wintermonaten – seine Vitamine am „Fensterbankerl“ produzieren. Diese Form der Lebensmittelproduktion hat definitiv eine Zukunft.

22. April 2020