„Die Sehnsucht nach dem Unmittelbaren wird groß sein“

Von Hanna Gries

Die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin Pia Hierzegger im Gespräch über „virtuelle Bühnen“, das Fehlen des unmittelbaren Publikums und die Chance, dass wir uns in der Krise der Macht der Politik bewusster werden.

Mit der Talkshow „Zu Gast“ brachte Pia Hierzegger während des Shutdowns in Österreich als eine der ersten ein theatrales Format ins Internet. Via Zoom konnte man dabei sein, wie Hierzegger Gästen aus der Theater- und Filmszene Fragen aus ihrem Zettelkasten stellte und Lorenz Kabas für atmosphärische Zwischenmusik sorgte. Nach dem Talk war sogar ein wenig Smalltalk im virtuellen Foyer möglich. Sonst blieb im Grazer Theater im Bahnhof (TiB), zu dessen Ensemble Hierzegger seit 1993 gehört, seit Ausbruch der Pandemie wenig beim Alten. Produktionen wurde abgesagt oder wie das Stück „Oktoberfest“ auf den Herbst verschoben, dafür gab es historische TiB-Produktionen als “Tibflix” auf Vimeo.

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann hat gesagt: „Virtualität ist kein Ersatz für Realität.“ Gilt das auch für Theaterproduktionen?

Man kann das nicht vergleichen, aber die direkten Reaktionen des Publikums fehlen sehr. Auch wenn man sich danach in diesem virtuellen Foyer unterhält, ist das einfach anders. Man ist als Darstellerin viel öffentlicher, jeder kann in deine Wohnung sehen. Und dieses plötzliche Ende, wenn man die Verbindung trennt, ist ein seltsames Gefühl. Viele KünstlerInnen gehen auch mit alten Produktionen ins Netz. Das ist informativ, aber es bietet nicht dieses unmittelbare Erlebnis. Theater ist aber immer eine Auseinandersetzung mit einem Publikum. Das ist auch eine der größten Stärken.

Walter Benjamin schrieb in den 1930ern von einem „Verlust von Unmittelbarkeit“, von einem „Fehlen von Magie, wenn man eine künstlerische Darbietung nicht live erlebt. Wird sich Theater durch die Krise verändern?

Kurzfristig bestimmt. Wie das dann in den nächsten ein bis zwei Jahren aussehen wird, kann ich schwer sagen. Aber die Sehnsucht der Leute nach dieser Unmittelbarkeit wird groß sein. Inhaltlich wird die Krise sicher im Gedächtnis bleiben. Ich habe einen Theater-Podcast gehört, in dem  sich alle vor den ganzen Corona-Stücken fürchteten, in denen dann nur noch das Virus auf die Bühne gebracht wird.

Im Staatstheater Augsburg kann man sich eine VR-Brille leihen und ein Theaterstück im eigenen Wohnzimmer anschauen. Kannst du dieser Idee von simulierter Unmittelbarkeit etwas abgewinnen?

Spannend finde ich das schon. Wir hatten letztes Jahr im Dezember ein Stück, in dem die DarstellerInnen VR-Brillen trugen und mit dieser Realität auf der Bühne arbeiteten, aber das war live vor Publikum. Theater im Netz ist nie ein Ersatz. Beides bietet andere Möglichkeiten. Aber irgendwann ermüdet das “Virtuelle”, das merke ich auch bei diesen Zoom-Parties. Es ist schön, dass das möglich war. Aber ich bin auch froh, dass man sich wieder treffen kann.

Die Diagonale wurde heuer abgesagt. Einen Teil versuchte man online zu kompensieren. Hast du das Gefühl, dass das beim Medium Film besser funktioniert?

Nicht wirklich. Obwohl man Filme auch zuhause ansieht, hat das Kinogehen eine ganz andere Qualität, es hat einfach mehr Relevanz. Filme schaue ich lieber im Kino, das ist wie eine Auszeit. Ich war sehr traurig, dass die Diagonale abgesagt wurde. Gewisse Filme werde ich jetzt wohl nie sehen, zum Beispiel das Kurzfilmprogramm.

Die Kritik an der Kulturpolitik in den ersten Monaten der Krise war groß. Müsste die Kultur in Zukunft einen größeren gesellschaftlichen Stellenwert bekommen?

Ja sicher! Das sieht man in dieser ganzen Debatte. Als erstes wurden alle Kulturstätten geschlossen, die werden auch als letztes wieder öffnen. Es mag sein, dass Schulen wichtiger sind. Aber trotzdem geht es hier nicht nur darum, dass ein paar wahnsinnige, lustige Menschen sich austoben dürfen. Kultur ist, genauso wie Bildung, etwas, das jede Gesellschaft braucht. Nebenbei  geht  es auch um sehr viele Arbeitsplätze.

Im Rahmen des Grazer Kulturjahres 2020 warst du am Projekt „7000 Pfeffersprays für Graz“ der Neigungsgruppe K.O. beteiligt ─ eine Aktion, die sich mit Ironie gegen Angstrhetorik und Populismus richtet. Was lösen Aussagen, wie die des Bundeskanzlers – „Bald wird jeder einen Menschen kennen, der an Corona verstorben ist“ – in dir aus?

Das war fehl am Platz, weil es ein Spiel mit der Angst ist. Stattdessen muss man in solchen Situationen versuchen, möglichst klar und argumentativ zu sein. Angst zu schüren, damit die  Maßnahmen der Regierung besser befolgt werden, ist manipulativ.

Diese Maßnahmen schränkten unsere Freiheit stark ein. Müssen wir kritischer werden, was unsere Grundrechte betrifft?

Ich hätte lieber eine Gesellschaft, der man nichts aufzwingen muss. Ich war nicht glücklich mit dem Zustand, mir war bisher noch nie so bewusst, dass mir die Politik etwas vorschreibt. Ich bin aber auch nicht so ängstlich, dass ich sage: „Oh mein Gott, da gibt es kein Zurück mehr.“ Die Situation kam so plötzlich, auf einmal wird einem klar, wie abhängig man von Politikerinnen und Politikern ist. So gesehen ist das auch ein bisschen ein Glücksfall ─ man erlebt, was für eine Macht die Politik hat. Und man bekommt die Chance zu verstehen, dass man hellhörig sein muss.

Ist die Krise auch eine Chance, dass die Gesellschaft sich in positiver Weise entwickelt?

Ich glaube nicht, dass die Gesellschaft sich stark verändert. Aber vielleicht gibt es ein paar Kleinigkeiten, die man mitnimmt. Ich merke zum Beispiel, wie schwer es mir fällt, dass ich aufgrund dieser ganzen Situation gerade  nichts planen kann. Ich mag es sehr, alles genau durchzuplanen. Jetzt musste ich lernen, geduldig zu sein. Auch diese Ruhe fand ich gut, man hatte weniger Termine. Mein Vorteil ist natürlich, dass ich zuhause arbeiten kann. Ich bekam praktisch zwei Monate Zeit geschenkt, um zu schreiben. Das weiß ich zu schätzen.