Menschen mit einer Sehbehinderung müssen routinierte Abläufe wie kochen, waschen, einkaufen und wohnen erst erlernen. Mal mühsam, mal ganz leicht. Die Einrichtungen des Grazer Odilien-Institutes helfen dabei.
Wenn du mir hilfst, dann kann ich das auch. Im Stiegenhaus des Schulgebäudes in der Leonhardstraße 130 steht dieser Satz in großen schwarzen Lettern auf einer weißen Wand. Sonst nichts. Auf der anderen Seite hängen Bilder, die auf den ersten Blick Augenreiben verursachen. Verschwommen, verzogen oder mit einem schwarzen Fleck in der Mitte. Darunter wird erklärt, welche Sehbehinderung zu erkennen ist. Auf den Kanten der Stufen sind dunkle Streifen angebracht. Eine Hilfe für Menschen, denen es schwer fällt, Kontraste zu sehen und die ohne diese Vorkehrung stürzen würden.
Kakao und Buntstifte
Bis zur Klasse von Anna im 3. Stock sind es genau 72 solcher Stufen. An den bunten Wänden vor den Klassenräumen sind viele Zeichnungen und Bilder angebracht. Es riecht nach Kakao und Buntstiften. Das Lachen und Geschrei von Kindern hallt in den Gängen. Pausenstimmung. Ein etwa 1,40 m großes Mädchen mit rosa Pullover, Jeans, zwei blonden Zöpfen und silbernen Haarspangen in Herzform rennt aus einem Klassenzimmer. „Sigi, du bist zu spät!“, ermahnt die elfjährige Anna Siegfried Steiner den Leiter der Abteilung für Lebenspraktische Fertigkeiten (LPF) im Odilien-Institut, der sich sofort mit einem charmanten Lächeln und einem Kompromiss entschuldigt: „Dafür machen wir heute Bananenmilch, gut?“ Anna willigt mit leicht hochgezogener Augenbraue und einem Grinsen ein, schmeißt sich auf den Boden vor einen großen Schrank, der mit bunten Stickern verziert ist und zieht ihre Jacke und roséfarbenen Schuhe mit silbernen Glitzerstreifen an. Der Reisverschluss hakt ein bisschen, Siegfried Steiner hilft ihr sofort. Anna kann sehr viel selbst machen. Sie ist nicht blind, hat aber eine Sehbehinderung und trainiert deshalb im Rahmen der Lebenspraktischen Fertigkeiten einmal pro Woche mit dem Sozialpädagogen Alltägliches. Dinge, die für normal sehende Menschen selbstverständlich sind.
Alltag abschauen
Normalsehende schauen sich die vielen kleinen Fertigkeiten des Alltages schon im Kindesalter von Erwachsenen ab. „Bei Menschen mit einer Sehbehinderung oder Blindheit ist das natürlich anders. Wollen geburtsblinde Kinder beispielsweise einen Kuchen backen, können sie nicht einfach alle Zutaten holen und anfangen. Sie müssen erst lernen, wie man in einer Schüssel richtig umrührt, um alle Stellen zu erwischen“, so Steiner, der seit 1984 im Odilien-Institut arbeitet. Die Grazer Einrichtung fördert und betreut insgesamt 430 Menschen mit Sehbehinderung, unabhängig vom Alter und dem Grad der Behinderung. 120 Fachkräfte sind dafür zuständig. Sie gehen speziell auf jeden einzelnen Menschen ein, klären bereits erworbene Kenntnisse und individuelle Lernziele. So wird das Ziel, den Alltag zu bewältigen, in kleinen Etappen erreicht. Der Weg dorthin sieht für jeden ganz anders aus: „Der Umgang mit Besteck oder Geld muss genauso erlernt werden, wie das Auswählen von Kleidung“, betont der LPF-Trainer Steiner.
Willkommen im Dunkeln
Für Betroffene sind diese Fertigkeiten wichtig, damit sie sich vollkommen in die Gesellschaft integrieren können und von ihrer Umgebung nicht mit dem Prädikat „anders“ ausgegrenzt werden. Farberkennungsgeräte, die die jeweilige Farbe des Kleidungsstückes akustisch wiedergeben, oder einfache Markierungspunkte, die an bestimmten Stellen eingenäht werden und je nach Form einen Farbton symbolisieren, vereinfachen die Entscheidung vor dem Kleiderschrank. Sprechende Waagen helfen bei der Zubereitung von Speisen genauso wie Messbecher und Aufbewahrungsdosen mit Brailleschrift oder Großdruck. Einfache Gegenstände, die Menschen mit einer Sehbehinderung oder Blindheit größtmögliche Normalität ermöglichen.
„Es gibt viele blinde Menschen, die alleine wohnen, sich alleine versorgen und nur ab und zu betreut werden. Der Trainingsplan wird dann auf die speziellen Wünsche angepasst. Einer Dame war es beispielsweise ein Bedürfnis, bei Annahmebestätigungen von Paketen oder dergleichen selbst zu unterschreiben. Und zwar ohne drei Kreuzchen machen zu müssen oder extra deshalb jemanden zu holen. Sie hat dann mit Hilfe von Unterschriftenschablonen genau das gelernt“, erklärt der LPF-Trainer.
Schwierig, wenn man noch nie zuvor einen Buchstaben gesehen hat. Doch der Wunsch nach mehr Selbstständigkeit und einem Leben, in dem man nicht ständig auf das Augenlicht anderer angewiesen ist, bringt einen weiter. Siegfried Steiner kennt die Motivation der Betroffenen - ihr Antrieb wirkt auf ihn faszinierend: „Ich finde es noch immer bewundernswert, dass blinde oder sehbehinderte Menschen ihre anderen intakten Sinne so gut beherrschen und ohne Augenlicht zurechtkommen.“
Wohnen lernen
Anna muss sich noch viele Fertigkeiten aneignen. Sie wird älter und die Herausforderungen des Alltages werden größer. Herausforderungen, die sie nicht alleine bewältigen muss. Die Einrichtungen des Odilien-Institutes werden ihr helfen, ihre Ausbildung zu absolvieren und – wenn das ihr Wunsch ist - vielleicht sogar alleine zu wohnen. Genau dieses Ziel hat sich der 23-jährige Oberösterreicher Mike gesetzt, der von Geburt an blind ist. Seit dem Jahr 2004 arbeitet er daran, selbstständig zu sein und eine eigene Wohnung zu beziehen.
Schräg gegenüber vom Odilien-Institut, in der Leonhardstraße 133, lernen neben Mike noch sieben weitere Bewohner einen richtigen Alltag zu haben und sich selbst zu versorgen. Am Anfang war das für den 23-Jährigen nicht leicht: „Beim Schnuppern und auch in den folgenden Wochen war ich ziemlich nervös, ich hatte Angst alleine zu schlafen und bin bei jedem kleinen Geräusch sofort aufgewacht.“ Kurz danach war er das erste Mal alleine Lebensmittel einkaufen: „Das hat mir so getaugt! Sonst habe ich mich immer eingehängt und es irgendwann einfach selbst versucht. Die ersten paar Mal habe ich mich ein wenig verirrt, mittlerweile gibt’s da aber kein Problem mehr.“
Man muss nicht sehen, um zu wissen, wohin man geht
Erwachsene Menschen können und wollen ihr Leben selbst bestimmen, ohne ständig auf andere angewiesen zu sein. Ganz egal ob blind oder normalsehend. Auch für Mike ist diese Selbstständigkeit immens wichtig. Neben seiner Weberei-Ausbildung im Odilien-Institut und der bevorstehenden Abschlussprüfung übt er mit der Unterstützung des Trainerteams jeden Dienstag und Donnerstag seine künftige Selbstständigkeit. Was auf dem Trainingsplan steht, wird gemacht. Sei es Lebensmittel einkaufen, Wäsche waschen, putzen oder kochen. Auch der Müll muss raus. Ohne die Hilfe anderer und ohne das eigene Augenlicht. Jeder Fortschritt wird dokumentiert und gemeinsam mit dem Trainer besprochen.
In der Wohnung hat der 23-Jährige mittlerweile sein eigenes System entwickelt, um sich zurechtzufinden - in einer Welt, in der es immer dunkel ist. Aber es ist seine eigene Welt, sein Zuhause. Er tastet sich an der Wand entlang. Vorsichtig. Von Raum zu Raum. Er kennt die Schritte von der Eingangstür zu seinem Zimmer. Von seinem Zimmer in die Küche. Und wieder zurück. Er muss nicht sehen, um zu wissen, wohin er geht. Er muss nur wollen. Sein Antrieb ist der Wunsch nach Selbstständigkeit. Bis er sich für einen Auszug bereit fühlt und mit seiner blinden Freundin zusammen zieht, wird es aber noch dauern. Auch wenn sein Ziel Sommer 2009 lautet – aber es kann auch später sein. „Wenn ich mich dazu bereit fühle, werde ich aus der Trainingswohnung ausziehen.“, betont der 23-Jährige. Gezweifelt hat er an diesem Ziel jedoch keinen Moment.
Operation Bananenmilch
Der Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit wird auch Anna irgendwann erfassen. Sie wird erwachsen sein wollen. Das Bedürfnis nach fremder Hilfe wird vor der individuellen Entfaltung ihrer Persönlichkeit und dem Wunsch nach Selbstbestimmung kapitulieren. Vielleicht werden ihre Ziele denen von Mike ähneln. Vielleicht werden es aber auch ganz andere sein.
Mittlerweile befinden sich Sigi Steiner und Anna in der Küche der LPF-Räume. Große weiße Buchstaben auf einem schwarzen Streifen zeigen ihr, in welcher Lade sie nach dem Mixer oder einem Löffel suchen muss. Die Küchenkästen sind abwechselnd orange, rot und blau. Gewürze und Kochbücher stehen in den Regalen, das Licht des Geschirrspülers blinkt. „Zieh bitte die Kochschürze an, Anna“, sagt Steiner zu seiner Schülerin und stößt damit auf vehementen Widerstand: „Ist doch egal, ob ich schmutzig werde. Die schaut so blöd aus, Sigi“, kontert die Elfjährige. Leider erfolglos – die Schürze wird angezogen. Mit viel Geduld und Schritt für Schritt erklärt ihr der Sozialpädagoge sein geheimes Bananenmilch-Rezept mit Vanille-Joghurt und extrareifen Bananen, damit die Milch süß genug wird. Geht etwas daneben, wird es von Anna unauffällig und mit einem Grinsen in Pullover und Jeans geschmiert. So wie es jedes andere Kind auch machen würde.
Anna bleibt eine Stunde bei Siegfried Steiner – die Operation Bananenmilch wird erfolgreich beendet, trotz Kochschürze mit Flecken. Doch jeder Fleck repräsentiert einen Handgriff, den die Elfjährige jetzt beherrscht.
