Ein Handy, ein Foto, ein paar geografische Koordinaten. Der alte Frontalunterricht ist passé. Schüler lernen nicht mehr aus dem Atlas, sondern gestalten ihn sich mit Web-Applikationen selbst.
Klick, Klick, Klick. Drei Fotos vom Greißler. Ein paar Informationen zur geografischen Lage und weiter geht’s für Maria in die Schule. Dort lädt sie die Bilder und Informationen sofort ins Netz. Erste Stunde: Geografie. Alle Schüler arbeiten bereits am PC als der Lehrer die Klasse betritt. Dicke Atlanten, schwere Schultaschen und Langeweile gibt es in diesem Geografieunterricht nicht. Klingt nach Utopie? Keineswegs!
Eine neue Art des Lernens entsteht
Thomas Jekel ist Mitarbeiter an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und setzt sich seit Jahren für das Lernen mit digitalen kartografischen Darstellungen ein. In zahlreichen Projekten lernen Schüler bereits auf diese Art. „Für den Geografie-Unterricht hat sich das alte Sender-Rezipienten-Modell, der frontale Unterricht mit der klassischen Landkarte, eigentlich nie richtig angeboten. Also haben wir uns überlegt, wie wir unsere alten Konzepte mit den neuen interaktiven Globen verbessern können“, so Jekel über das Lehren und Lernen mit Geoinformationen. Verbinden kann man Geokoordinaten mit den verschiedensten Daten und Formaten: Mit Text, Ton, Bild, Video, statistischen Werten, aber auch User-Bewertungen. Die Möglichkeiten scheinen unendlich. Damit können Geoinformationen natürlich auch in vielen anderen Disziplinen – wie Biologie, Chemie, Informatik oder Mathematik – angewendet werden. Und das fördert auch das vernetzte Denken.
Kompliziert gibt's nicht
Maria arbeitet mit einigen Klassenkollegen an einer Netzwerkanalyse mit der Fragestellung: „Was passiert, wenn unser Greißler schließt?“ Die Fotos, die sie gemacht hat, lädt sie auf den PC und verknüpft sie mit einer Online-Karte. Davor wurden sie schon vom Handy automatisch mittels GPS mit Geokoordinaten versehen. Dann fügt Maria ein paar Kommentare hinzu und verknüpft die Karte mit Passanten-Interviews. Geografie-Unterricht zum Angreifen. Der große Realitätsbezug fördert die Motivation der Schüler, sich mit dem Projekt auseinanderzusetzen. „Selbst die räumliche Netzwerkanalyse interessiert die Schülerinnen und Schüler“, beschreibt Jekel das Potenzial der neuen Unterrichtsform.
Schüler erleben Klimawandel
Die Auswirkungen des Klimawandels und der Gletscherrückgang sind die Themen der zweiten Gruppe. Sechs Uhr Früh ist Aufbruch. Einige Minuten später wandern die Schüler in Richtung Gletscher, um den Rückgang zu untersuchen. Sie bewegen sich durch die eisige Landschaft, weg von der einsamen Berghütte. Mittels GPS vermessen sie dann meterweise den Rand des Eisfeldes. Am Ende tragen sie die Geokoordinaten in eine Karte ein. Im Rahmen einer Expedition sind einige Schulklassen auch auf dem Dachstein, der Pasterze und dem Sonnblick unterwegs. Lehrer und Experten der Zentralanstalt für Metereologie (ZAMG) sowie der ÖAW betreuen die Schüler bei ihrem Projekt. Die Nachwuchs-Wissenschaftler messen auch die Eisdicke und -zusammensetzung, die Temperatur an mehreren Orten der Gletscherzunge und vergleichen Fotos von verschiedenen Jahren. Das nötige Equipment kommt von der ZAMG. Mithilfe der gewonnenen Daten wird auf Google Earth eine Art Logbuch erstellt. Es zeigt an, an welchem Ort welche Daten erhoben wurden. Gemeinsam statt einsam Aber nicht nur im Schulunterricht wird mit Geokoordinaten gearbeitet.
Auch die Technische Universität Graz setzt in Lehrveranstaltungen immer wieder auf diese neue Art der Wissensvermittlung. Die Architekturstudenten arbeiten beispielsweise im Moment mit mobilen Werkzeugen, um Geokoordinaten mit anderen Daten zu verknüpfen. Christian Safran von der TU Graz begründet: „Auf Exkursionen erfassen die Studenten die Daten mit dem Handy. Diese fügen sie dann in eine Website ein, auf die alle zugreifen und an der alle mitarbeiten können.“
Noten ade?
Maria präsentiert ihrer Lehrerin gerade die Zwischenergebnisse zum Thema Greißlersterben. Diese ist erstaunt, wie schnell sich ihre Schüler an das Arbeiten mit dem digitalen Globus Google Earth gewöhnen. Auch Jekel erlebt immer wieder, dass Schülerinnen und Schüler sich viel schneller einarbeiten als Lehrer. Eine neue Herausforderung ist auch die Bewertung der Leistungen. „Ich benote etwas anders als üblich - es ist schwer, Schülerleistungen hier in ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ einzuteilen. Es geht mir eben eher darum, ob sich jemand an der Diskussion beteiligt und seine Argumentation nachvollziehbar ist.“ Dennoch oder gerade deshalb ist die Motivation und Beteiligung in allen Projekten sehr hoch. Außerdem beziehen sich offenbar viele Diskussionsbeiträge auf Inhalte, die über die Lehrveranstaltungsinhalte hinausgehen. Jekel ist erfreut: „Da waren unglaublich viele Infos dabei, die ich entweder nicht hatte oder nicht haben konnte. Wir können so auch von den Schülern lernen.“
Auch für Safran ist die Wissensvermittlung mittels Geokoordinaten in vielen Bereichen sinnvoll. Das Anwendungsgebiet fasst er sehr weit: „Im Prinzip kann ich Geokoordinaten überall dort verwenden, wo ich Interesse habe, Orte mit Informationen zu verknüpfen. In jedem Bereich, in dem ich sozusagen Wissen sammle.“ Für die Zukunft erhoffen sich Jekel und Safran, dass der Umgang mit Geokoordinaten und deren Verknüpfung selbstverständlich werden.
Schule aus heißt Internet zuhaus'
Für Maria und ihre Mitschüler ist das bereits Realität. Auch ihre Privatfotos lädt die Schülerin auf die Fotoplattform flickR. Dort verbindet sie die Aufnahmen dann mit einer digitalen yahoo map, kommentiert sie und wartet auf Feedback ihrer Freunde.
Überblick über Kartenmaterial, Anwendungsmöglichkeiten und relevante Links
Hier treffen sie Geo-Experten
Bei der Fachtagung „Lernen mit Geoinformationen“ können sich speziell Lehrer mit Wissenschaftler der Bereiche Geoinformatik und Fachditaktik austauschen. Diese Veranstaltung findet im Rahmen des Agit-Symposiums für Angewandte Geoinformatik – in Salzburg vom 8. bis 10 Juli 2009 statt.
Der GIS Day findet jährlich statt, heuer am 18. November. Weltweit laden GIS-Experten zu Präsentationen und Workshops ein und wollen damit räumliches Denken fördern und geographische Informationssysteme an die Öffentlichkeit bringen. Als Aussteller teilnehmen kann jeder! Ob sich heuer auch in Graz Aussteller melden, ist noch offen.
Woher kommt das Kartenmaterial?
GIS Steiermark Kartenmaterial vom Land Steiermark
Bestes Kartenmaterial über die Steiermark. Aus öffentlicher Hand. Kartenmaterial bereits verknüpft mit diversen Daten, z. B. Katastrophenschutz, Umwelt, Kultur. Verändern und exportieren kann man den Großteil der Daten nicht selbst, anschauen ist aber für jeden kostenlos und ohne Download und Installation möglich.
Open Street Maps von „jedermann“
Österreich und speziell Graz ist kartografisch noch nicht sehr gut erschlossen. Jeder kann Geodaten, mithilfe von GPS, eintragen und somit das Kartenmaterial erstellen. Jeder kann Daten und Karten absolut frei benutzen und sogar abwandeln. Gute Alternative zu proprietären System von quasi Monopolisten, wie Google Earth und Microsoft Virtual Earth.
Google Earth und Google Maps von Google
Bietet sehr viel Kartenmaterial aus vielen Perspektiven. Stammt vom quasi Internet-Monopolisten Google. Steht gratis zur Verfügung. Ist innerhalb weniger Minuten downgeloadet und installiert. Wikipedia Artikel, Greenpeace, WWF, aber auch CBS News Beiträge werden bereits mit Google Earth verknüpft.
Virtual Earth von Microsoft
Bietet besseres Kartenmaterial von Graz und Österreich an als Google Earth. Stammt von Microsoft, einem quasi Software-Monopolisten. Hat jedoch weniger Funktionen als Virtual Earth. Ist ebenfalls gratis, muss aber nicht downgeloadet und installatiert werden.
FlashEarth (Spezialfall)
Bietet Kartenmaterial von verschiedenen Anbietern, wie Microsoft Virtual Earth, Nasa, Yahoo Maps, auf einer Website. Gratis und ohne Download und Installation verfügbar.
Welche Daten kann man mit Geokoordinaten verbinden und wo?
Text
Wikipedia Artikeln, Twitter Messages, Blog-Einträge mit Geokoordinaten verbinden
- Beispiel für Verknüpfung von Wikipedia-Artikel, Bild und Karte
- Infos zum Geotaggen von Blogs
Fotos
Fotoplattform verbindet Fotos mit Karten
- FlickR
- loc.alize.us: Karten verschiedener Anbieter, u. a. Nasa, U. S. Navy
- de.locr.com: Verbindung mit google maps
- platial.com: Verbindung mit google maps
Videos
Ganze Videos oder Teile von Videos werden Geokoordinaten zugeordnet
Ton
Wie Fotos oder Text; bedarf nur des ensprechenden mash-ups
Statistische Daten
In Excel selbst erstellte Daten, aber auch riesige Datenmengen (vgl. GIS Steiermark)
(Be-)Wertungen
Ratings von der Community werden Geokoordinaten und dessen Referenzen zugeordnet; somit werden Prioritäten und Rankings
Hinweis:
www.shozu.com: Während der Recherche hat sich nur eine Plattform finden lassen, auf der UserInnen SÄMTLICHE Daten und Soziale Netzwerke (z. B. Facebook) mit Geookoordinaten verknüpfen können. Shozu verbindet sozusagen die Offline-Welt mittels mobilen Multimedia-Gerät (wie Handy) mit der Online-Welt. Sozialen Netzwerken (z. B. my space, facebook, twitter, you tube), Fotosharing Comunities (z. B. flickR, picassa), Blogs (z. B. Wordpress), Citizen Journalism Seiten (z. B. bbc news, cnn, reuters) sowie email- und ftp-Servern können mittels shozu mit Geokoordinaten verbunden werden.

