Akademikerinnen waren sie in ihrem Heimatland, hier bietet man ihnen die Putzjobs an. Über das Schicksal gebildeter Migrantinnen und den Wunsch wieder Lehrerin, Buchhalterin oder Anwältin zu sein.
Sie putzen abends – wenn alles bereits nachhause gegangen ist – die verlassenen Büros, manche von ihnen stehen Tag für Tag im Supermarkt und sortieren Kisten. Sie stehen morgens vor der Tür des Arbeitsamtes und wollen endlich Arbeit bekommen. Sie sitzen den ganzen Tag im Zimmer eines Wohnheims und warten. Das, was sie gelernt haben, können sie hier nicht ausüben. Sie sind Lehrerin oder Betriebswirtin. Sie sind jene Frauen, die nach Österreich kamen und hier nicht arbeiten können. Da es in Österreich wie in vielen anderen Staaten kein einheitliches System gibt für die Anerkennung von Ausbildungen, die im Ausland abgeschlossen wurden, werden viele Berufe einfach nicht anerkannt.
Damit befinden sich viele Migrantinnen in einer Sackgasse, die sich auf unterschiedliche Weise äußert: Ihre Zeugnisse werden hier nicht anerkannt, die Sprache stellt eine Barriere dar. Schließlich geben sich viele der Frauen mit einem Job zufrieden, für den sie überqualifiziert sind, weil sie im Grunde nur eines wollen: arbeiten. Auf den folgenden Seiten stellen wir drei dieser Frauen vor.
„Ich bin keine Invalide, ich will arbeiten!“
Liza Kuzgiewa sitzt im Frauenwohnhaus in der Metahofgasse. Sie hat sehr viel Zeit, sagt sie über sich selbst – „zu viel Zeit“. Sie lebt hier mit ihren Kindern. Am Nachmittag holt sie die Kinder von der Schule ab. Früher war sie selbst jeden Tag in einer Schule tätig. Liza Kuzgiewa kommt aus Inguschetien, einer kleinen Republik innerhalb Russlands. Dort hat sie auch die Universität besucht. Die 30-Jährige hat russische und inguschetische Sprache und Literatur studiert und sich damit ihren Traum erfüllt – sie wurde Lehrerin. Sie hat in einer Oberstufe unterrichtet. „Es wird immer Kinder geben, deshalb wird man auch immer Lehrer brauchen“, sagt sie und erzählt stolz davon, dass sie ein gutes Händchen für Kinder und Jugendliche hat.
Liza hatte sich ihr Leben ganz anders vorgestellt, eigentlich wollte sie vor allem eines: weiter als Lehrerin arbeiten. Mit der Flucht nach Österreich änderte sich einiges, sowohl an ihrem Leben, als auch an den beruflichen Perspektiven. Heute muss sie warten. Liza hat noch keinen positiven Asylbescheid. Aus diesem Grund darf sie weder ihrer eigentlichen Qualifikation nachgehen, noch in irgendeinem anderen Beruf arbeiten. Sie hat zwar ein Praktikum in einem Kindergarten gemacht, doch wird sie in der nächsten Zeit wohl nur mit ihren eigenen Kindern lernen können. Manchmal werde sie unterschätzt, sagt Lisa: „Ich habe Beine, ich habe Hände, ich habe einen Kopf – ich bin keine Invalide. Ich will arbeiten“.
„Ich bin keine Putzfrau“
Mary Mansour sitzt im Kaffee und lacht. Das, was sie gerade gesagt hat, scheint sie zu belustigen: „Als Putzfrau wollen die, dass ich arbeite.“ Die – das sind Mansours Ansprechpersonen im Arbeitsamt. Frau Mansour sträubt sich allerdings dagegen als Reinigungskraft tätig zu sein – schließlich hat sie ein vierjähriges Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Suez Kanal Universität hinter sich. Vor acht Jahren ist die zweifache Mutter und Ehefrau von Ägypten nach Graz gekommen. Hier hat sie bereits fünf Deutschkurse gemacht. Ein sechster soll jetzt folgen.
Mary Mansour hat ein ehrgeiziges Ziel – sie will arbeiten. Dafür nimmt sie in Kauf, noch einen Kurs für Büroarbeit zu absolvieren. Offen spricht Mansour von den Barrieren, die sich ihr in Österreich auf der Suche nach Arbeit stellen. Sie habe wenig Erfahrung, sagt sie. Für die Arbeit in ihrer eigentlichen Disziplin, der Betriebswirtschaftslehre, sieht Mansour schwarz. „Es gibt wenig Chance für mich. Ich bin Ausländerin.“ Ihren Kindern will offene Frau alle Chancen ermöglichen. Die beiden, sieben und neun Jahre alt, sollen einmal die Universität besuchen können. „Ich habe immer gesagt, meine Kinder müssen auf die Uni.“ Auch ihr Mann hat in Ägypten ein Studium absolviert – Jura. Auch er kann in Österreich nicht in seinem eigentlichen Fach arbeiten. Mary Mansour will das Bestmögliche aus ihrer Situation machen – auch wenn sie dafür im siebenten Deutschkurs sitzen muss.
„Ich bin stolz auf meine Ausbildung“
Ein freundliches Lachen – eine herzliche Begrüßung: Radimkha Bersanova fällt sofort durch ihre Ausstrahlung auf. Radimkha spricht Russisch. Sie kommt ursprünglich aus Tschetschenien. Dort hat sie auch studiert: Russische Sprache und Literatur. Danach war sie in der Grundschule als Lehrerin angestellt. Die größte Barriere stelle für sie – auf der Suche nach Arbeit – die Sprache dar, sagt die 47-Jährige. Gesundheitliche Probleme sind ein Mitgrund, warum sich diese Hürde für sie im Moment nicht bewältigen lässt.
Ihre Augen leuchten, wenn man die Frau auf ihre Ausbildung anspricht. Darauf ist Radimkha Bersanova stolz. „Ich bin meinen Eltern sehr dankbar“, sagt sie. In ihrer Heimat sei es wegen der finanziellen Engpässe nicht selbstverständlich, studiert zu haben. Radimkhas Hoffnung ist es, einmal die Sprachbarriere überwinden zu können und damit neue Perspektiven zu bekommen. „Russisch zu unterrichten“ das wäre ihr größter Wunsch für die Zukunft in Österreich.

