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Sexualkunde: Zwischen Tabu und Pflicht

Unter Ceauşescus Regime konnten Rumäninnen und Rumänen weder abtreiben, noch Verhütungsmittel verwenden. Heute ist das Land eines der EU-Länder mit den meisten Abtreibungen und Teenagerschwangerschaften. Laut Expertinnen und Experten ist Sexualaufklärung die Lösung. Damit stoßen sie aber immer wieder auf Widerstand.

Im Wartezimmer der Prof. Dr. Panait Sârbu Klinik tummeln sich Paare mit Kleinkindern auf dem Schoß neben Frauen, die alleine darauf warten, aufgerufen zu werden. Immer wieder huschen Krankenpflegerinnen von Tür zu Tür und versuchen die Gemüter der wartenden Patientinnen und Patienten zu beruhigen. Die Familienplanungsärztin Adriana Constantin berät gerade eine junge Frau. Ihr Job ist es, Menschen, vor allem Jugendliche darüber aufzuklären, wie sie verhüten, eine Familie gründen, oder ein Kind abtreiben können. Ein Beruf, den sich Constantin als Studentin im kommunistischen Rumänien nie hätte vorstellen können.

Verbotene Verhütung, verbotene Abtreibung

Nach der Revolution 1989 entschied der damalige Gesundheitsminister, Bogdan Marinescu, dass in den Städten Rumäniens Familienplanungskliniken entstehen sollen. Gleichzeitig war er Leiter der Familienplanungsklinik, in der Constantin arbeitet. Dort hatten Frauen zum ersten Mal Zugang zu professionell durchgeführten Abtreibungen – ein Recht, dass Rumäninnen davor nicht kannten. Denn 1966 führte Ceauşescu das Dekret 770 ein.

Damit wollte er, dass die Bevölkerung um zehn Millionen Menschen anwächst. Abtreibungen und Verhütungsmittel waren von da an illegal. Wer Geld hatte, kaufte am Schwarzmarkt Verhütungsmittel. Doch viele konnten sich das nicht leisten. Familien verarmten, weil sie Kinder bekamen, für die sie nicht aufkommen konnten. Andere ließen ihre Neugeborenen im Krankenhaus zurück oder schickten sie in Waisenhäuser.

Je mehr Zeit unter dem Dekret verging, desto überfüllter und heruntergekommener wurden diese Waisenhäuser. Aus Verzweiflung versuchten Frauen ihre Schwangerschaften selbst abzubrechen. Andere gingen zu nicht zugelassenen Helfern. „Wenn eine Frau kein Kind will, wird sie alles riskieren, auch ihr Leben“, so Constantin.

„Ich liebe meinen Job. Ich liebe es, jungen Frauen helfen zu können“, so Constantin.

 

Offizielle Zahlen des Gesundheitsministeriums berichten von mehr als neuntausend Frauen, die infolge improvisierter Abtreibungen starben. Allerdings soll die Dunkelziffer wesentlich höher sein. Bereits in der Zeit nach der Revolution war Constantin als Ärztin tätig. „Damals gab es Tage, an denen 30 bis 40 Frauen zu uns kamen, um abzutreiben“, so die ausgebildete Gynäkologin. Schon damals klärte sie Frauen über Verhütungsmittel auf.

Doch ein Bewusstsein dafür zu schaffen war nicht einfach. Zu lange fehlte der Umgang mit Verhütungsmitteln, meint Constantin. 2015 war Rumänien das EU-Land mit der höchsten Rate an Teenagerschwangerschaften und den drittmeisten Abtreibungen. Constantin sieht die Lösung in der Aufklärung der jungen Bevölkerung. Doch gerade in ländlichen Gegenden, ohne Familienplanungskliniken, sei das besonders schwer.

Sexualkunde als Pflichtfach

Dasselbe Problem beschäftigt Gabriel Brumariu von S.E.C.S., zu Deutsch Gesellschaft für Verhütung und Sexualerziehung. Die NGO finanziert sich durch Unterstützung der International Planned Parenthood Federation und über eigene Projekte. S.E.C.S. bringt Sexualkunde auch an Orte, die weit weg von der nächsten Familienplanungsklinik liegen – wie die Kleinstadt Isaccea im Osten des Landes.

Letzen Juni besuchte Brumariu dort die Schüler einer Volks- und Mittelschule. Mit ihnen besprach er Themen, wie sicheren Geschlechtsverkehr, Schwangerschaft und die Pubertät. Damals erzählte ihm das Lehrpersonal von drei Schülerinnen, die im letzten halben Jahr schwanger wurden. Vier Monate später kam ein freudiger Anruf aus Isaccea: Seit seinem Besuch wurde keine einzige Schülerin schwanger.

„Das sind die Momente, in denen ich sehen kann, wie wichtig meine Arbeit ist“, bekräftigt Brumariu seine These, dass aufgeklärte junge Frauen seltener schwanger werden. Auch zahlreiche wissenschaftliche Studien beweisen das. Deswegen fordert Brumariu, dass Sexualkunde zum Pflichtfach an Schulen wird.

„Sie haben Lügen verbreitet“

Doch in seiner Arbeit erfährt Brumariu auch Widerstand. Besonders von der Coaliția pentru Familie, zu Deutsch Familienkoalition. Die konservative NGO steht der orthodoxen Kirche nahe, kämpft gegen die Legalisierung von Homoehen und fordert, dass Frauen bei Abtreibungen nicht mehr finanziell unterstützt werden. Sie stehen für traditionelle Familienwerte und den Schutz der Kinder. Darunter verstehen sie auch, dass Sexualkunde an Schulen tabu bleiben soll.

“Sie haben Unwahrheiten verbreitet und unter anderem behauptet, dass ich Kindergartenkindern Sex erklären wolle. Das stimmt natürlich nicht“, so Brumariu über die Organisation. Derzeit bieten nur sehr wenige Schulen Sexualkunde als Wahlfach an. Im Herbst 2017 brachte die Coaliția pentru Familie einen Gesetzesentwurf ein, der das Fach an Schulen komplett verbieten sollte. Brumarius Arbeit mit Schülern wäre zur Straftat geworden. Der Antrag wurde abgewiesen. Für eine Stellungnahme war die Coaliția pentru Familie nicht bereit.

„Ich denke nicht, dass die Coaliția pentru Familie langfristig eine Chance hat.“ – Carmen Şuraianu von S.E.C.S.

Neben ihren Kampagnen für Sexualkunde, arbeitet S.E.C.S.  auch mit Menschen aus dem Gesundheitssektor zusammen. Seit ihrer Entstehung im Jahr 1990 informierte S.E.C.S. bereits über 18.000 Personen über sexuelle Gesundheit, Verhütung und Geschlechtskrankheiten. Eine von ihnen war Constantin. „Im Studium lernten wir nichts über Verhütung. Das war (unter dem Dekret) strikt verboten“, so die Gynäkologin.

Seit sie mit dem Medizinstudium begann hat sich in Rumänien viel verändert. Die Zahlen der Teenagerschwangerschaften sinken konstant, gemeinsam mit denen der Abtreibungen. Constantin erzählt, wie sie ihren allerersten Patientinnen wieder begegnet ist, die damals noch nichts von Verhütung wussten. Heute kommen sie zur Beratung und bringen ihre Töchter mit.

Text: Isadora Wallnöfer | Fotos und Recherche: Isadora Wallnöfer und Johanna Wöß

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