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Die Fiktion ist das, was bleibt

Gabriela Adameşteanu wandelte auf einem Pfad, der sie zwischen Realität und Fiktion durch Rumäniens prägendste Jahre führte. Ein Leben zwischen Romanerfolgen und literarischer Abstinenz zugunsten des Journalismus.

„Mit der Zeit habe ich erkannt, dass das Schreiben von Artikeln für mich nicht so interessant wie die Fiktion eines Buches ist.“ Aus Gabriela Adameşteanus Feder ist Tinte für beides geflossen – sie schrieb journalistische Beiträge und fiktionale Romane. Heute ist sie überzeugt, dass Artikel in Magazinen oder Zeitungen für kommende Generationen nur schwer verständlich oder sogar irrelevant sein werden. Denn diese Texte fallen aus der Zeit. „Ein Buch dagegen ist der Zeit gegenüber widerstandsfähiger – wenn es gut ist“, weiß Adameşteanu.

Erfolgsautorin mit politischer Botschaft

Die heute 75-Jährige gehört zu den bekanntesten Literaturschaffenden Rumäniens, bereits im Jahre 1975 erschien ihr Debütroman Der gleiche Weg an jedem Tag. Die Autorin erzählt darin das Erwachsenwerden der jungen Rumänin Letitia in einer von kommunistischen Strukturen geprägten Gesellschaft. Ohne Einflussnahme und Zensur von Seiten der Regierung explizit zu benennen, beschreibt Adameşteanu deren Auswirkungen auf den Alltag der rumänischen Bevölkerung.

Gabriela Adameşteanus Hauptwerk bildete der Roman Verlorener Morgen, der wenige Jahre nach seinem Erscheinen im Jahr 1983 als landesweit erfolgreiches Theaterstück inszeniert wurde. Auch dieses Buch bleibt nahe am Erleben der Protagonistin, einer Frau aus der Arbeiterschicht. Im Zentrum der Romane stehen die Details – wie Menschen um Brot Schlange stehen oder wie manche nicht mehr auf der Bildfläche erscheinen, weil sie aus politischen Gründen inhaftiert sind.

Eine liberalere Phase des Kommunismus in den 70er-Jahren ermöglichte es rumänischen Autorinnen und Autoren, Literatur mit derartigen politischen Untertönen zu veröffentlichen. Adameşteanu beschreibt das Geschehen der damaligen Zeit, doch Gefühle und Ängste der Hauptfiguren sind zeitlos.

Gabriela Adameşteanus Hauptwerk Verlorener Morgen soll bald auch auf Deutsch erscheinen

Ein neuer Weg an jedem Tag

Das Jahr 1989 markierte sowohl in der Geschichte Rumäniens als auch im Leben der Gabriela Adameşteanu einen Wendepunkt. Mit dem Ende des Kommunismus erhielt die Bevölkerung erstmals Zugang zu Informationen fernab jeglicher Zensur. Von der Welle allgemeiner Begeisterung für eine freie Presse erfasst, wurde Adameşteanu Journalistin – und mit ihr eine ganze Generation Literaturschaffender. „Zahlreiche Autoren der Fiktion, Poeten und Prosaisten, wandten sich genau wie ich dem Journalismus zu. Ich war kein Einzelfall.“

Gabriela Adameşteanu, die eine internationale literarische Karriere zugunsten aktueller Artikel aufgab, sollte erst 2005 wieder zur Schriftstellerei zurückkehren. Nach dem Fall des Kommunismus widmete sich Adameşteanu zunächst ganz dem Kampf für einen freien Journalismus: „Ich wollte für den Aufbau einer unabhängigen Presse alles geben. Im Kommunismus hatten wir nicht den Bruchteil jener Informationen, die in anderen Ländern normal sind.“

Ein lebenslanger Kampf gegen Zensur

Bereits vor dem Ende des Regimes hatte sie sich gemeinsam mit einer Gruppe Aktivistinnen und Aktivisten für einen demokratischen Dialog in Rumänien stark gemacht. Von 1991 bis 2005 leitete sie deren landesweit bekanntes Wochenmagazin Revista 22 , ein Instrument zur politischen Bildung. In den folgenden Jahren verantwortete sie dessen Literaturbeilage, bis es 2013 zum endgültigen Bruch zwischen ihr und dem Blatt kam: Sie hatte sich vergeblich dafür eingesetzt, vermehrt jungen Redakteurinnen und Redakteure als Stimme der Straße einen Platz im Magazin anzubieten.

„Nachdem sich die Verantwortlichen dagegen aussprachen, die Beiträge dieser Autoren zu drucken, habe ich aufgehört mit ihnen zu sprechen.“ Adameşteanu wollte Menschen mit Ansichten Raum geben, die nicht die offizielle Linie des Magazins vertraten. „Ich akzeptierte keine Zensur. Das war meine Idee von Journalismus, nachdem ich lange Zeit unter der ständigen Zensur des kommunistischen Regimes gelebt habe: Ein Magazin ohne jegliche Zensur, in dem verschiedene Meinungen Platz finden.“

Damit begann die zweite Phase ihres literarischen Schaffens, in der sie sich um die Übersetzung ihrer Romane kümmerte. Sie veröffentlichte zudem zwei neue Bücher. Die Rückkehr zur Literatur sei das Beste gewesen, so die 75-Jährige heute. Letztendlich war es nach rund zwei Jahrzehnten Journalismus die Fiktion, die Bestand hatte.


Text: Tanja Unterweger | Fotos: Verena Sophie Maier

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