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Der Preis des freien Journalismus

Die Journalistinnen und Journalisten hinter dem Netzwerk KRIK decken organisierte Verbrechen und Korruptionsfälle in Serbien auf. Die Schuldigen stammen meist aus den Reihen der Regierung. Diese wehren sich gegen die investigative Berichterstattung. Als Folge tobt ein verbaler Krieg in der öffentlichen Arena.

Im vierten Stock eines Wohnhauses in Belgrad arbeitet das sechsköpfige Journalisten-Team von KRIK (was so viel bedeutet wie „Schrei“). Die Redaktion ist gut gefüllt. Eine Gruppe dänischer Studierender will sich über die Arbeit des Kollektivs informieren. Besuche wie diese sind laut Redaktionsmitglied Jelena Vasić keine Seltenheit, denn KRIK genießt mittlerweile internationale Bekanntheit. Vor allem der Name des Chefredakteurs, Stevan Dojčinović, steht seit Monaten in den Zeitungen. Nicht etwa unter seinen eigenen Artikeln, sondern auf den Titelseiten regierungsnaher Blätter, die ihn und seine Arbeit kritisieren. Vorne mit dabei ist die Boulevardzeitung Informer. Sie hat Dojčinović bereits als Terrorist, Spion des Westens und Sadomasochist bezeichnet. Der Grund? Er und sein Team decken die Skandale der Mächtigen auf.

Mit der Regierung auf Kriegsfuß

KRIK – auf Serbisch ist ein Akronym für Kriminalität und Korruption. Gleichzeitig ist der Begriff ein Befehl zum Schreien. „Wir wollen mit unseren Artikeln laut schreien, damit die Leser die Wahrheit über ihr Land erfahren“, erklärt Redaktionsmitlglied Vasić.

Seit 2014 legte die Pressefreiheit in Serbien – laut Gutachten des Freedom House Reports – eine ziemliche Talfahrt zurück. Damals zog der aktuelle Präsident Aleksander Vučić als Premierminister in die Regierung ein. Kurz darauf fingen er und seine Regierung damit an, den Journalismus in Serbien zu kontrollieren und regierungskritische Medien zu diskreditieren – und damit auch KRIK. „Wenn nach einer Geschichte wenig Backlash von der Regierung kommt, gehen wir davon aus, dass sie [die Geschichte] nicht gut genug war“, erzählt Vasić zynisch.

Dem Druck nachgeben ist keine Option, so Jelena Vasic

Pressefreiheit, serbisch definiert

Allgemein gilt in Serbien Pressefreiheit – diese werde auch im Rahmen der EU-Beitrittsgespräche großgeschrieben. „Allerdings scheinen die Repräsentanten des Landes nicht ganz zu verstehen, was Pressefreiheit wirklich bedeutet“, meint Vasić. Zu offiziellen Terminen in Brüssel nehmen die Regierungsmitglieder Kopien von Artikeln mit, in denen sie kritisiert werden, um zu beweisen, dass freier Journalismus in Serbien einen Platz hat. Dass Journalistinnen und Journalisten aber im Gegenzug attackiert und mundtot gemacht werden, bleibt unerwähnt.

Um mehr Bewusstsein für die Situation des unabhängigen Journalismus in der Bevölkerung zu schaffen, haben im September rund 150 serbische Medienhäuser einen symbolischen Medienausfall organisiert. Dabei wurden Zeitungsblätter und Webseiten komplett eingeschwärzt, mit der Erklärung: „So sieht es aus, wenn es keine freie Presse mehr gibt“.

„Selbstzensur ist keine Option“

Auch das Team hinter KRIK spürt aufgrund seiner investigativen Geschichten die massive Staatsgewalt: Dazu zählt der Einbruch in die Wohnung eines Redaktionsmitglieds, bei dem lediglich ein Chaos hinterlassen, aber nichts entnommen wurde und das Abhören und Veröffentlichen laufender Recherchen, die dadurch verworfen werden mussten.

Allerdings ist es dem Staat nicht gelungen, das Team von seiner Arbeit abzuhalten. „Wenn ein Journalist damit anfängt, sich Gedanken darüber zu machen, ob er gewisse Inhalte lieber nicht veröffentlichen soll, um sich zu schützen, wäre es ratsam den Job zu wechseln. Es ist nicht möglich, investigativen Journalismus zu betreiben und sich selbst zu zensieren“, erklärt Vasić.


Text: Anna Rezk  | Fotos: Anja Liedl

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