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Der letzte Savamalaner

Mit Milliarden aus Abu Dhabi lassen Scheichs und serbische Politiker in Belgrad einen Stadtteil entstehen. Dafür wurde ein Bezirk an der Save dem Erdboden gleichgemacht. Mitunter auch durch den Einsatz roher Gewalt. Die Initiative Ne da(vi)mo Beograd (Let’s not drown Belgrade) organisiert Kampagnen und Proteste gegen dieses umstrittene Projekt.

„Hoch lebe Belgrad!“, feiert die Investmentfirma Eagle Hills das Motto ihres Megabauprojekts, bei dem luxuriöse Wohn- und Geschäftswelten entstehen sollen. Es sind keine zehn Schritte von einem verheißungsvollen Werbeplakat zum nächsten und von einer Belgrade Waterfront-Flagge zur anderen. Hoheitsvoll wehend weisen sie den Weg aus allen Richtungen zum Hauptquartier des Bauherrn am Ufer der Save, die eine natürliche Grenze zwischen Alt- und Neustadt zieht.

Miloš ist Teil des 20-köpfigen Kernteams der Waterfront-Gegeninitiative

Miloš Injac und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter von Let’s not drown Belgrade nutzen jede Möglichkeit, um ein Zeichen gegen die Gentrifizierung der Stadt zu setzen. Sie wehren sich dagegen, dass Wohlhabende die ansässige Bevölkerung verdrängen. Undurchsichtige Milliardeninvestments ermöglichen Sanierungen und Umbauten, ohne eine potentielle Bürgerbeteiligung. Die Belgrader Aktivistinnen und Aktivisten stehen für ein weltweit erwachendes Bewusstsein gegen diese extreme Form von Stadtentwicklung.

Geld und Habgier regieren Belgrad

Weil Miloš mitentscheiden will, wie sich das Gesicht „seines“ Belgrad entwickelt, schloss er sich dem Kernteam der Gegnerinnen und Gegner des Projekts an. Sie werfen den Verantwortlichen und führenden Politikerinnen und Politikern Intransparenz, Geldwäsche und Amtsmissbrauch vor. Auch die regierungstreuen Massenmedien berichten über die negativen Folgen des Projekts, die Kritik daran und über mögliche Gesetzesverstöße nicht.

Bis heute haben die Mitglieder der Initiative Let’s not drown Belgrade über 300 Klagen im Zusammenhang mit dem Bauvorhaben gegen offizielle Stellen eingereicht. Mit der Argumentation der Staatsanwaltschaft, die Vorwürfe wären haltlos, kam es jedoch nie zu einem Strafverfahren.

Der Weg zum Luxusviertel

Bevor Eagle Hills begann, den Bauplan in die Tat umzusetzen, war Savamala Heimat für mehr als 200 Familien. „Verblieben ist ein letzter Mohikaner“, deutet Miloš auf das einzig erhaltene Haus des alten Viertels im historischen Stadtteil. Die ersten Bewohnerinnen und Bewohner wurden im April 2016 durch eine gewaltsame Räumung vertrieben. Vermummte Schlägertrupps – laut Miloš zurückzuführen auf die Stadtregierung und von der örtlichen Polizei gedeckt – demolierten in einer Nacht- und Nebelaktion ein Café, ein Unternehmen und einige private Häuser.

Der Masterplan der Baufirma für das neue Stadtbild Savamalas

Alle meine Entchen schwimmen auf der Save

Um gegen diese Willkür anzukämpfen, gingen Zehntausende auf die Straßen. Zum Star jedes Auftritts hat sich aber eine aufblasbare gelbe Ente entwickelt. Die Schwimmhilfe als Logo auf Handyhüllen, Buttons und T-Shirts soll Belgrad vor dem Untergehen retten. Dieses Szenario wurde beinahe Realität, als die neu angelegte Promenade in die Save zu rutschen drohte.

Seit dem Baustart von Eagle Hills ragt der Kai teilweise in die natürliche Flussgrenze hinein. Miloš zeigt auf die nassen Flecken und die aufgewölbten Pflastersteine der Gehwege. Direkt hinter der abgesackten Uferzone schießen bereits gewaltige Hochhäuser in den Himmel.

„Die Wohnungen, die hier entstehen sollen, sind lediglich zum Angeben gedacht – oder zur Geldwäsche. Niemand wird hier wirklich leben.“ – Miloš Injac

Wenn nur noch einer übrig bleibt

Gebäude auf einer Fläche von beinahe 1,8 Quadratkilometern wurden vor Baubeginn abgetragen – nur ein Haus steht noch. Ivan Timotijević und seine Familie wehren sich standhaft gegen Räumungsdrohungen und Einschüchterungsversuche, die sie zwingen sollen fortzuziehen.

Sein Haus erarbeitete sich Ivan Timotijević hart – deshalb will er den Besitz nicht kampflos aufgeben

Timotijević hat zum Glück eine Besitzurkunde für Haus und Grundstück. Alle anderen Savamalanerinnen und Savamalaner konnten dies nicht vorweisen. Für eine Entschädigung in der Höhe einer geschätzten Jahresmiete waren die ehemaligen Bewohner gezwungen, ihr Eigentum abzugeben.

Bis zum bitteren Ende…

Obwohl die Stadt zwischendurch Strom und Wasser abschaltete, hält die Familie durch. „Unser Ziel ist es, dass die Timotijevićs hier wohnen bleiben können oder zumindest eine angemessene Abfindung bekommen“, erzählt Miloš über die Mission von Let’s not drown Belgrade.

Früher Handelsviertel, später ein Ort für Kunstschaffende, heute Brachland: die Baustelle Belgrade Waterfront

…und dann noch weiter

Der Einfluss der Initiative zeigt sich an den bis zu 40.000 Belgraderinnen und Belgradern, die vor allem seit der Räumungsnacht 2016 an den von Let’s not drown Belgrade organisierten Demos teilgenommen haben. Deshalb wollen die Hauptinitiatorinnen und -initiatoren den Schritt in die Stadtpolitik wagen. Ungeachtet der Kampagnen der Politikerriege gegen ihre Initiative sind sie von ihrem Einzug in den Gemeinderat überzeugt: „Dann geschieht nichts mehr ohne unser Wissen.


Text: Helena Meitzenitsch & Carmen Oberressl | Fotos: Anna Eisner-Kollmann & Eagle Hills & Let’s not drown Belgrade & Boris Böttger

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