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Vom Reichwerden und anderen Träumen

Der Rumäne Cătălin Baciu ging nach dem Ende des Kommunismus nach Deutschland, um reich zu werden. Bereits ein Jahr später kehrte er nach Rumänien zurück – aus einem außergewöhnlichen Grund.

Cătălin Baciu reiste 1994 illegal in Deutschland ein. Der damals 21-jährige Rumäne hatte genug von der Perspektivlosigkeit in seinem Heimatland. „Ich wollte in Deutschland reich werden“, sagt er heute. Was Reichtum für den im Kommunismus aufgewachsenen Jungen hieß, zeigt seine erste Errungenschaft: „Ich kaufte mir einen ganzen Sack Bananen.“ Denn Bananen waren für ihn etwas Exotisches, das es in seiner Kindheit nur als Weihnachtsgeschenk gab.

Noch grün versteckte er die Frucht zwischen seinen Kleidern im Schrank. „Ich konnte natürlich nicht warten bis sie reif war und kostete vorher schon – sie war ganz bitter“, erzählt der heute 44-Jährige und verzieht bei der Erinnerung das Gesicht.

In Deutschland reich werden

Der elegant gekleidete Mann spricht mit großen Gesten. Er erzählt Geschichten, die viele Jahre zurückliegen, mit so vielen Details angereichert, dass manchmal Zweifel aufkommen, wie viel davon tatsächlich passiert ist. Aber Cătălin Baciu macht das mit viel Charme und Witz. Das ist wohl auch der Grund, weshalb er so gut ist in dem, was er tut. Der Geschäftsmann hat für den rumänischen Ableger der christlichen Organisation Teen Challenge drei Suchtrehabilitationszentren aufgebaut. Mit seiner Arbeit holt er suchtkranke Kinder und Jugendliche von den Straßen Bukarests. In einem einjährigen Programm möchte er ihnen strenge Strukturen und neuen Mut geben, die Verantwortung für ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen.

In seinem dritten Rehabilitationszentrum City of Hope helfen Baciu und sein Team sechs jungen Frauen wieder auf eigenen Beinen zu stehen.

Als 21-Jähriger lag ihm aber noch weniger das Wohl der anderen am Herzen als sein eigener Erfolg. Damals packte der junge Baciu im deutschen Wiesbaden überall mit an, wo Not am Mann war. So kam es, dass er an einem Nachmittag an der Sanierung eines großen Anwesens arbeitete, als er zusah, wie der Gärtner umständlich die Äste eines Baums stutzte. „Ich rief ihm zu: ‚Du machst das falsch, so geht der Baum kaputt!'“ Es stellte sich heraus, dass der vermeintliche Gärtner der Besitzer des Anwesens war.

Als ausgebildeter Förster konnte ihm Baciu mit Rat und Tat zur Hand gehen – und nicht nur das: Er gestaltete das Anwesen komplett nach den Bedürfnissen des Besitzers um. Diese Begegnung sollte den Grundstein für eine erfolgversprechende Zukunft legen. „Ich hatte etliche Aufträge für die Gartengestaltung von seinen reichen Freunden, jedoch ein Problem: Ich durfte sie offiziell nicht annehmen.“ Denn der Rumäne war noch immer illegal im Land.

Wenn alles anders kommt

Deshalb wollte er bei einem kurzen Aufenthalt in Bukarest ein Visum beantragen, seine eigene Gartenbau-Firma gründen und anschließend richtig nach Deutschland auswandern.

Vor kurzem renovierte Cătălin Baciu (r.) das Gebäude City of Hope. Seinem Freund Marcel Dogar zeigt er, was noch getan werden muss.

Doch es kam alles anders. Heute spricht Cătălin Baciu von Schicksal und Gottes Wille. „Ich hatte alles geregelt und musste nur noch den Schlüssel meiner temporären Wohngemeinschaft zurückbringen“, erzählt er. Er wohnte für ein paar Wochen bei einem Freund. Dieser hatte Jura studiert, arbeitete nach seinem Abschluss aber nicht als Anwalt, sondern mit Straßenkindern. Das hat Baciu beeindruckt: „Ich wollte ihm Geld spenden, denn ich war ja jetzt in Deutschland und ein reicher Mann“. Vor seiner Abreise brachte er seinen Wohnungsschlüssel im Kinderheim seines Freundes vorbei. „Da stürmten mehrere Kinder auf mich zu und nannten mich Daddy.“ Man habe ihren Wunsch richtig gespürt, dass ihr Vater eines Tages komme und sie abhole. Diese Situation berührte ihn. So sehr, dass er auf dem Nachhauseweg all seine Pläne von Deutschland über den Haufen warf.

„Ich hatte alles geregelt und musste nur noch den Schlüssel meiner temporären Wohngemeinschaft zurückbringen.“

Bei Teen Challenge steht der Glaube an Gott im Zentrum. Aber Cătălin Baciu schmunzelt, wenn man ihn auf seine Frömmigkeit anspricht: „Lange waren Partys meine Religion.“ Dies war so, bis er seine heutige Frau traf. „Sie zeigte mir, dass da noch mehr ist.“ Den Lebemann in ihm spürt man auch heute noch, jedoch trägt er mittlerweile die Verantwortung für knapp 30 Jugendliche. In seiner Stimme schwingt Stolz mit, wenn der zweifache Vater erzählt, dass einige seiner ehemaligen Schützlinge es zu lokalen Berühmtheiten schafften. Trotzdem: Manchmal frustriere ihn seine leichtsinnige Entscheidung vor 24 Jahren. In Momenten, in denen das Geld für Reisen mit der Familie fehle. Aber dann fügt er an: „Ferien gehen vorbei und die Freude, das Leben von jungen Menschen verändern zu können, machen das wieder wett.“

Text: Rebecca Lehmann | Fotos: Johanna Wöß

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