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„Ich kann nicht Musik machen und reisen, ohne mich mit der Politik auseinander zu setzen!“

Shantel, unter bürgerlichem Namen Stefan Hantel, spricht über Mythos und Realität des Ostens. Seine Konzerte führen ihn quer durch Europa und so sieht sich der Künstler auch mit politischen Veränderungen konfrontiert.

BLANK11: Unsere Reise führte uns über Budapest, Sibiu, Bukarest nach Belgrad und wieder zurück nach Graz. In Westeuropa sagt man, dass man in den „Osten“ fährt. Osteuropa, Ostblock und das alles kommt mit einer gewissen Note. Wie sehen Sie den „Osten“?

Ich habe als Kind durch die Erzählungen meiner Großeltern eine relativ starke Vorstellung vom Osten bekommen. Die Großeltern stammen aus der Bukowina, das ist eine Region, die heute einen Teil Rumäniens und einen Teil der Ukraine umfasst. Da gibt es die Stadt Czernowitz, die mir als sehr vielfältiger, kosmopolitischer, bunter Flickenteppich kolportiert wurde. Die verschiedenen Kulturen und Nationalitäten, die im Vielvölkerstaat gewohnt haben, das bezeichne ich persönlich als Mythos Bukowina. Natürlich kann man das nicht auf ganz Südosteuropa ausweiten, aber das war zumindest für mich die erste Berührung. Nach der Wende 1991 ist bei mir ziemlich schnell der Wunsch gereift, dass ich „den Osten“ gerne sehen würde.

Als ich wirklich die Gelegenheit hatte dorthin zu reisen, war es für mich eine rasante Bauchlandung. Ich habe schnell festgestellt, dass alles was ich mir so in meinem Kopf über den Osten zusammengestrickt hatte, nicht der Realität entsprach.

BLANK11: Die Länder im „Osten“ sind gebeutelt von der Geschichte. Vor allem die Jahre des Kommunismus haben sie stark gezeichnet. Was ist kulturell noch übrig? In einem Interview mit Rory McLean sagten Sie, dass die Bukowina viel kulturelle Aspekte durch die Besatzungen der Länder verloren hat.

Ich muss einfach ganz trocken und pragmatisch sagen, dass meine Erfahrung in Südosteuropa in Bezug auf Kultur, vor allen Dingen in den Jahren nach der Wende, eher sehr enttäuschend waren. Alles was an traditioneller Musik, an individueller Kunst zu dieser Zeit noch existiert hatte, verschwand, alle Künstler wollten weg von dort.

Die lokale Bevölkerung wollte auch mit dieser Art von Tradition nichts mehr zu tun haben. Man muss ganz klar formulieren, dass so etwas wie Balkan-Pop in Südosteuropa kein Publikum und keine Akzeptanz gefunden hätte. Man hat sich sehr stark nach dem Westen orientiert und die Verschmelzung von Tradition und Moderne war etwas völlig Neues. Die Leute fanden das extrem uncool, weil es immer noch zu sehr mit der postkommunistischen Ära zu tun hatte.

Das Bucovina Club Orkestar ist jedes Jahr zu Gast in Graz

BLANK11: Und bei uns war es neu und cool.

Es gibt eine große Diskrepanz zwischen dem, was wir uns unter „Osten“ vorstellen und der Realität. Wir sind auch geprägt von der Popkultur beziehungsweise von Klischees und Stereotypen. Viele Leute haben nach meinen Shows gesagt: „Wieso haben die Musiker westliche Kleidung an? Das ist nicht so authentisch.“ Es gibt immer noch einen großen Wunsch nach romantischer Verklärung.

BLANK11: Im Wikipedia Artikel über „Balkan Pop“ werden Sie als Begründer der Musikrichtung genannt. Wie geht es Ihnen mit der Trendsetter-Rolle?

Ich hatte einfach wahnsinniges Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Dass dieser Begriff „Balkan-Pop“ den Erfolg dann so vereinnahmt hat, war für mich gut, es hat viele Prozesse beschleunigt. Die Gefahr, wenn man auf der Erfolgswelle reitet, ist, dass jede Welle auch mal ihr Ende hat und deshalb finde ich es wichtiger sich als Songwriter und Produzent zu bewähren. Ich werde das Etikett nie mehr loswerden, das ist auch ok.

Schlussendlich ist mein Anliegen als Musiker eine Formel zu finden, mit der ich mich am besten ausdrücken kann. Ich mache Tanzmusik, weil ich einfach gerne tanze und weil ich es mag, dass die Leute bei meinen Shows tanzen. Ich habe auch eine starke Affinität zu einer bestimmten Melodik, zu einer bestimmten Harmonie. Da hat mich mein Background geprägt und die Idee war: Kann man daraus was Spannendes, was Neues machen?

BLANK11: Nun gibt es ja bekanntlich nicht nur Fans, sondern auch „Hater“. Haben Sie negative Erfahrung mit Rassismus gemacht?

Jede Menge. Ich hatte am Anfang das Phänomen, dass viele gesagt haben: „Spielst du jetzt den ganzen Abend nur Türken-Musik?“ Das kam vor allem oft, als wir Shows in der ehemaligen DDR gespielt haben. Viel kurioser war aber die anfängliche Reaktion von deutschen Musikjournalisten. Die Melodien mit Beats und Elektronik zu kreuzen, das sahen die als totalen Verrat. Sie meinten ich würde die traditionelle Musikkultur Osteuropas ausbeuten und zerstören.

BLANK11: In einem Spiegel-Artikel aus dem Jahr 2007 wurden Sie zitiert mit: „Die Türkei ist für mich europäischer als der Norden Englands“. Würden Sie das heute auch noch so formulieren?

Es ist in der Tat ein interessantes Zitat. Leider, und da gebe ich dem Westen tatsächlich ein bisschen die Schuld, haben wir die Türkei als einen Bestandteil Europas verloren – aber noch nicht aufgegeben. Man hat es politisch einfach jahrelang versäumt der Türkei, als vollwertiges Mitglied Europas, Türen zu öffnen und Angebote zu machen. Dadurch, dass die Türkei jahrelang hingehalten wurde, konnten überhaupt Hardliner, wie der aktuelle Präsident, so eine Macht entwickeln. Er hat genau dieses Vakuum als Projektionsfläche ausgefüllt.

Das Zitat habe ich damals auch dahingehend ausgesprochen, weil ich in der Türkei unglaublich viele Shows gespielt habe und dort immer willkommen war. Ich habe die Gastfreundschaft geschätzt und das Interesse an meiner Arbeit. Auf der anderen Seite hat man mich im Norden Englands als Musiker nicht vollwertig anerkannt. Die gaben mir zu verstehen „du bist keiner von uns“. Für mich war genau das das Dilemma.

BLANK11: Das sind nun doch sehr politische Themen. Sie streben auch mehr politischen Einfluss in Frankfurt an. Woher kommen Ihre Ambitionen?

Durch meine zerrissene Familiengeschichte haben sich für mich schon als Jugendlicher Fragen aufgetan: Warum musstet ihr die Heimat verlassen? Warum habt ihr euch nie wirklich verwurzelt gefühlt in Deutschland? Warum dieser romantische Rückblick auf die Heimat? Oder was ist Heimat überhaupt?  Mich interessiert Politik, ich habe da auch eine Haltung. Ich kann nicht Musik machen und dabei reisen, ohne mich mit der Politik auseinanderzusetzen.

Wenn ich in Ungarn auf einem Festival spiele und bei einem Radio-Interview wird mir ein Vertrag vorgelegt in dem steht, dass ich kein kritisches Wort über die Regierung Orbans äußern darf, dann unterschreibe ich den Vertrag nicht.

Publikumsbeteiligung und Action kommen bei Konzerten des 49-jährigen Künstlers nicht zu kurz.

Stefan Hantel hat nun seine Kandidatur als Oberbürgermeister zurückgezogen. Auf spätere Anfrage dazu:

Ich habe unzählige Menschen aus der Stadt getroffen und mehrere Parteien haben meine politischen Thesen in ihr Wahlprogramm übernommen. Das ist mehr als ich erwartet habe. Schlussendlich habe ich mit den verschiedenen lokalpolitischen Gremien konstruktive Gespräche geführt. Ich denke, dass ich als Berater oder Impulsgeber mehr bewirken kann wie ein Einzelkämpfer, der durch die Untiefen der Lokalpolitik rudert.


Text: Anna Eisner-Kollmann | Fotos: Anna Eisner-Kollmann & Elisabeth Trolp

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