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„In erster Linie bin ich Mensch“

Claudiu Budau ist in Rumänien geboren und aufgewachsen. Derzeit betreut er als Priester den Pfarrverband Obdacherland. BLANK11 erzählt er von seinem Weg vom rumänischen Studenten zum Pfarrer in Österreich.

BLANK11: Wann haben Sie gewusst, dass Sie Pfarrer werden wollen?

Das ist schwer zu sagen. Die Erziehung meiner Eltern und meiner Oma hat mich sicher geprägt, ich bin in einer sehr christlichen Familie aufgewachsen. Wir haben immer gebetet und sind regelmäßig zur Kirche gegangen. Irgendwann wurde ich von einem Priesterstudenten gefragt, ob ich gerne ministrieren würde – das habe ich dann sechs Jahre lang gemacht. Danach bin ich fast wie selbstverständlich ins kleine Priesterseminar eingetreten und habe nach der Matura Philosophie und Theologie im großen Priesterseminar studiert.

BLANK11: Wie sind Sie nach Österreich gekommen?

Aufgrund einer Anfrage um Priester aus der Steiermark wurde ich vom Bischof der Diözese Iași ausgewählt und im September 2010 als Priester „fidei donum“ (Priester gehen in Länder, in denen Priestermangel herrscht. Anm. d. Red.) in die Steiermark geschickt. Mit der Sprache, Mentalität und den Sitten in Österreich bin ich aber schon als Praktikant in Berührung gekommen.

BLANK11: Haben Sie Deutsch bereits während des Studiums gelernt?

Nein, Deutschunterricht hatte ich nie. Ich habe im Priesterseminar einmal einen Intensivkurs im Sommer gemacht. Gottes Vorsehung – oder Zufall, wie andere dazu sagen würden – ein Jahr darauf wurde ich für das Praktikum nach Österreich geschickt. Ich habe die Sprache dann eigentlich in Vorarlberg gelernt. Dort hatte ich eine gute Lehrerin. Da ich niemanden hatte, mit dem ich Rumänisch sprechen konnte, musste ich die deutsche Sprache lernen, um mich verständigen zu können.

Ob in einer rumänischen Kirche, oder auf einem österreichischen Berg – für Claudiu Budau hat ein Gottesdienst immer die selbe Bedeutung.

BLANK11: Wer übernimmt die Kosten für das Priesterstudium in Rumänien?

Das Priesterseminar ist auf Spenden angewiesen, die meisten kommen aus dem Ausland. In Rumänien gibt es keine Kirchensteuer, wie es sie in Österreich gibt. Dadurch, dass die Lebenslage in Rumänien eine andere ist, sind die Priesteranwärter nicht in der Lage, alles selber zu bezahlen. Einen kleinen Beitrag müssen sie leisten, aber der ist eher symbolisch. Es gibt viele Priesterpatenschaften für Priesterseminare in Rumänien. Jeder Priesterstudent hat Unterstützer, die für fünf oder sechs Jahre das Priesterstudium mitfinanzieren.

BLANK11: Wie hoch war dieser Beitrag, den Sie für Ihr Studium zahlen mussten?

Es waren damals rund 50 Euro. Das zahlten meine Eltern monatlich für mich. Aber mein Vater hat nur etwas mehr als 200 Euro verdient, dieser Beitrag war also ein Viertel seines Gehaltes. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, wie viel meine Familie eigentlich mir zuliebe zurückgestellt hat, um mir das Studium zu ermöglichen.

BLANK11: Sie haben auch Priesterpatenschaft erwähnt. Diese kosten ca. 600 Euro im Jahr. Können damit alle Kosten gedeckt werden?

Nein, in Rumänien tragen auch die katholischen Gemeinden etwas zur Verpflegung im Priesterseminar bei. Jedes Jahr im Herbst werden in den Pfarren Naturalien gesammelt, also Erdäpfel, Kraut und Ähnliches. Davon leben die angehenden Priester eigentlich den ganzen Winter hindurch. Außerdem wird großer Wert auf eine eigene Wirtschaft im Priesterseminar gelegt, sonst würden sie es nicht schaffen. Das Geld der Spenden ist eigentlich nur für die Betriebskosten und für die Professorengehälter. Ein Teil der Kosten wird mittlerweile auch vom Staat übernommen, aber man ist trotzdem auf Spenden angewiesen.

BLANK11: Aber wir in Österreich könnten auch nicht ohne die Priester aus dem Ausland auskommen.

Ja, für das bestehende Pfarrsystem sind sie unbedingt notwendig, in der Steiermark kommen fast 120 Priester aus anderen Diözesen. Insgesamt gibt es nur 460 bis 470 Priester, da sind jedoch auch die Pensionisten mitgezählt. Von den aktiven Priestern ist rund ein Drittel aus anderen Diözesen. Österreichische Priesteranwärter gibt es einfach nicht mehr genug.

Als Priester liegen Claudiu Budau besonders die Jugendlichen am Herzen.

BLANK11: Wie hoch ist dabei der Anteil der Rumänen?

Mittlerweile gibt es in der Steiermark schon über zehn Priester aus Rumänien, aus den Diözesen Iaşi und Bukarest. Zusätzlich gibt es auch rumänische Ordenspriester, die Minoriten in Graz Mariahilf sind beispielsweise zum größten Teil Rumänen. Die größte Gruppe ausländischer Priester ist in der Steiermark aber immer noch die polnische.

BLANK11: Wie ist es Ihrer Mutter gegangen, als sie erfahren hat, dass Sie ins Ausland gehen?

Mütter tun sich immer schwer beim Loslassen, oder? Meine Mutter tut sich immer noch schwer damit, dass ich so weit weg bin, das weiß ich. Als Priester habe ich aber mein Leben selbst in der Hand, vielleicht ist es für meine Mutter dadurch leichter gewesen. Wenn der Sohn einmal heiratet oder eben zum Priester geweiht wird, gehört er nicht mehr nur ihr. Ich bin Pfarrer, habe einen Bischof, die Priester, meine Pfarren. Mein Herz schlägt immer schneller, wenn die Leute stolz sagen „Das ist unser Herr Pfarrer“. Mein Priester-Sein ist an konkrete Menschen und Gesichter gebunden, wie in einer Familie sozusagen. Es geht mir auch nicht schlecht dabei und somit war die Sorge, zum Teil zumindest, weg. Aber dass immer noch Wehmut dabei ist…

BLANK11: Wie oft fahren Sie nach Hause?

Da bin ich nicht der typische ausländische Priester, ich fahre nicht einmal jedes Jahr zu meiner Familie. Am Anfang bin ich öfter nach Hause gefahren, jetzt immer weniger. Telefonisch pflege ich die Beziehung zur Heimat, aber zu Hause bin ich hier. Heimat und zu Hause sind zwei Paar Schuhe. Natürlich darf ich nie meine Wurzeln vergessen, dazu habe ich aber auch keinen Grund.

BLANK11: Wie fühlt es sich für Sie jetzt an, mittlerweile als Österreicher und steirischer Priester hier zu leben?

So wie ich die Kirche hier und jetzt empfinde, sollte sie für die Beziehungen der Menschen untereinander und zu Gott Zeiten und Räume schaffen. Ohne Menschen kann ich als Pfarrer nicht bestehen und meine Pfarre auch nicht. Die idealen Christen und die perfekte kirchliche Struktur gab es nie. Um die guten, von Gott geliebten Menschen zu sehen, muss man manchmal nur die richtige Brille aufsetzen. Deshalb bin ich der Meinung, dass die Hauptbedingung in der Seelsorge überall auf der ganzen Erde dieselbe ist: Man muss die Menschen mögen und sie das spüren lassen! Ich wünsche mir von Herzen, bei all dem was ich tue: „A Mensch möcht‘ i bleib’n“, wie die Steirer es so schön sagen.


Text: Angela Bischof | Fotos: Evelyn Sattler & Pfarrverband Obdach

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