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„Der Staat bezahlt uns fürs Zuhausebleiben!“

Alexandru Zelko ist Leiter der Asociatia DOWN Bucuresti. Mit seiner Familie gründete er den Verein, der Menschen mit Beeinträchtigung und deren Familien das Leben erleichtern soll. Denn Menschen mit Behinderung leben in Rumänien immer noch in einem System, das Integration nicht einfach und Inklusion unmöglich macht.

Mit laufendem Motor wartet der Taxifahrer am Straßenrand der Calea Victoriei, zu Deutsch „Siegesstraße“. Alexandru Zelko macht sich die Mühe, Besucherinnen und Besucher direkt in Bukarest abzuholen. Er steigt ins Taxi und sein Sohn Laurențiu lächelt ihm vom Rücksitz entgegen. Zelko ist nicht nur der Leiter des Vereins Asociatia DOWN Bucuresti, sondern auch Vater eines Teenagers mit Behinderung. Laurențiu ist 19 Jahre alt und hat Down-Syndrom.

Das Taxi fährt durch Bukarest, Ziel ist der Hauptsitz des Vereins, ein kleines Haus im Süden der Stadt. Die Miete für die Räumlichkeiten beträgt umgerechnet etwa 500 Euro, viel Geld in einem Land, dessen Bruttomindestlohn bei circa 300 Euro liegt. Die ruhige Gegend und die unmittelbare Nähe zum Park sprechen aber für die Lage des Vereinshauses. Zelko und seine Familie gründeten die Asociația DOWN im Jahr 2010. Seine Frau Elena ist die Präsidentin des Vereins, er hat die Funktion des Direktors inne.

Gemeinsam stark sein

Der Vater von zwei Kindern dachte dabei praktisch: „Für eine Stunde bei einer Logopädin bezahlt man zehn Euro. Wir haben einen Deal mit der Logopädin ausgehandelt, dass wir weniger bezahlen. Dafür wächst ihre Kundschaft.“ Gruppentherapien und Gruppenrabatte gibt es nicht nur bei der Logopädin: Der Verein ermöglicht Schwimm-, Reit- und auch Tanzstunden. Derzeit profitieren 30 Kinder und Jugendliche mit Down-Syndrom von der Organisation. „Viele von ihnen haben nur ein Elternteil. Oft nehmen die Väter Reißaus, sobald sie erfahren, dass das Kind eine Behinderung hat.“
Besonders diesen Müttern will der Vereinsleiter eine Stütze sein. Die Idee der Asociația DOWN ist es, gemeinsam stärker zu sein, sich zu formieren und füreinander da zu sein.

Alexandru Zelko schätzt, dass nur zehn Prozent aller Menschen mit Down Syndrom in einem Verein wie seinem sind.

Im Vereinshaus zieren Medaillen und Urkunden die Wände. Laurențiu zeigt sie mit Stolz: Sportgymnastik, Judo, Schwimmen, viele Disziplinen sind hier vertreten. Mit einer ausholenden Geste deutet er auf kleine handgemachte Werkstücke, die im Raum verteilt sind: Weihnachtsbäume und Schmetterlinge auf einer Leinwand, geklebt aus alten CDs und mit viel Glitzer verziert. Die Asociația DOWN lebt von Spenden, die sie für diese selbstgebastelten Geschenke erhalten. „Wir bekommen keinen Cent von der Regierung. Große Firmen, wie Kentucky Fried Chicken, organisieren manchmal Ausstellungen mit unseren Werken. Die Angestellten spenden etwas, um ihrem Boss zu gefallen, und wir sind glücklich darüber.“

Ein Elternteil als Begleiter

Sich um seinen Sohn zu kümmern, ist für Alexandru Zelko ein Vollzeitjob. Der Staat bezahlt ihm umgerechnet circa 300 Euro pro Monat dafür. „Dieses Geld ermutigt dich, nichts zu tun. Der Staat bezahlt dich fürs Zuhausebleiben.“, schildert der Vater das Problem. Da Laurențiu laut Gesetzeslage schon erwachsen ist, bekommt er eine Sozialpension von ein bisschen mehr als 300 Euro. Seine Mutter geht ihrem regulären Job als Bankangestellte nach.

Obwohl Zelko keine Ausbildung in der Begleitung von Menschen mit Behinderung oder im pädagogischen Bereich hat, bezeichnet er sich als Down-Syndrom-Experten. Tageszentren oder Betreuungseinrichtungen wie in Österreich oder anderen EU-Ländern sind eine Wunschvorstellung. Einige ausländische Vereine, wie die Diakonie, bauen mit österreichischen Geldern langsam Zentren auf. Seitens der rumänischen Regierung sind die Ansätze jedoch vage.

Ruhe für Therapien ist wichtig
Der Reiterhof befindet sich außerhalb von Bukarest. Die nötige Ruhe für die Therapien ist hier wichtig.

Seit dem EU-Beitritt Rumäniens profitiert der Vater vom Austauschprogramm Erasmus+, welches ihm Ausflüge in andere Staaten ermöglicht. Zelko schwärmt begeistert vom portugiesischen System. Kinder würden abgeholt werden, Spezialistinnen und Spezialisten beschäftigten sich mit ihnen und abends kämen sie wieder zu den Eltern. So könnte er seinem alten Job nachgehen, was ihm momentan nicht möglich ist.

Würde er nun einen Job suchen, hätte er keinen Anspruch auf Sozialgeld und Laurentius‘ Pension reicht nicht aus, um eine Betreuungsperson zu bezahlen. „Das System in Rumänien ist krank, aber es ist ein System und ich habe keine Ahnung, wie wir ihm entkommen können.“ Zelko glaubt daran, dass die Zeit alle Wunden heilt. Für ihn wäre die Einführung von Tageszentren parallel zur jetzigen Regelung ein Ansatz. Er weiß, dass es unmöglich wäre, das bestehende System komplett zu ändern.

Innovation erfordert Zahlen

Trotz ausführlicher Recherche sind Zahlen zu Menschen mit Behinderung äußerst schwer zu finden. Um aktuelle Daten aus Rumänien aufbereiten zu können, wurden das rumänische Sozialministerium und der rumänische Behindertenrat kontaktiert. Jedoch blieben trotz mehrmaliger Nachfrage die Antworten aus. Diese Tatsache unterstreicht den Innovationsbedarf der rumänischen Behörden, wenn es um Menschen mit Behinderung geht. Besonders in Hinblick auf die Verbesserung der Arbeitsmarkt- und Betreuungssituation wäre es wichtig, dass spezifische Daten zurückgreifen zu können.

In Österreich stehen ausreichend Zahlen in Bezug auf Menschen mit Behinderung zur Verfügung. Der Tabellenband EU-SILC 2016 – Einkommen, Armut und Lebensbedingungen bildet für diese Grafiken die Grundlage der Österreich-Recherche. Um einen Vergleichswert zwischen österreichischen und rumänischen Zahlen zu schaffen, wäre eine genaue und einheitliche Definition des Behindertenbegriffs wünschenswert. In Österreich lebten 2016 322.000 Menschen mit subjektiv wahrgenommener starker Einschränkung bei Tätigkeiten des normalen Alltagslebens. Hierbei wurde nicht zwischen körperlicher und geistiger Behinderung unterschieden.

Die rumänischen Daten wurden aus dem Archiv des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales Deutschland entnommen. Die Publikation Politik für Menschen mit Behinderung und zum Entschädigungsrecht in der EU, USA und Japan gibt eine genaue Aufschlüsselung der Behinderungsarten, jedoch sind die Zahlen aus dem Jahr 2011. Demnach lebten 2011 116.963 Menschen mit Behinderung in Rumänien.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist der Anteil an arbeitslosen Menschen mit Behinderung. Während in Österreich berufliche Integration einen hohen Stellenwert besitzt (von 322.000 Menschen mit Behinderung arbeiten 94.000). Demnach befindet sich fast jeder dritte Mensch mit Behinderung in einem Beschäftigungsverhältnis. In Rumänien dagegen arbeiten von 116.963 Menschen mit geistiger Behinderung nur 902 Personen. Dies entspricht aufgerundet einem Prozent.

Von Existenz zu Akzeptanz

Die Probleme, die es im Kommunismus gab, existieren auch heute noch. Zwar gibt es keine genauen Daten über Menschen mit Behinderungen im Kommunismus, aber sie waren für das System nicht von Nutzen. Sie wurden als „irecuperabili“, zu Deutsch „die Unwiederbringlichen“ bezeichnet. Viele Kinder mit und ohne Behinderung fanden in Heimen ihren Tod durch Hunger, Erfrieren, diverse Krankheiten und mangelnde Hygiene. Cighid war eines der bekanntesten und grausamsten Heime. Nach dem Tod des Diktators Nicolae Ceaușescu erregten Berichte über den Zustand des Heimes, die vor allem in westlichen Medien erschienen, großes Aufsehen.

„Ceaușescu sagte, dass wir keine Menschen mit Behinderung im Land haben. Er hat sie nicht anerkannt und somit waren sie nicht existent. Sie lebten in Heimen unter schrecklichsten Zuständen und die Lebenserwartung lag bei 25 Jahren. Wenn du das Geld hattest, durftest du dein Kind zuhause behalten, aber niemals damit in die Öffentlichkeit gehen.“ Auch heute noch wird Laurențiu auf der Straße schief angesehen. Besonders hart traf es die Eltern, als sie ihren Sohn zum ersten Mal mit anderen Kindern in die Sandkiste setzten. Schnell saß Laurențiu alleine im Sand, er könnte die anderen Kinder ja mit seiner Krankheit anstecken. Die Unwissenheit der Menschen äußerte sich in Angst.

Bei Vereinsaktivitäten beschäftigen sich die Mitglieder auch mit der rumänischen Kultur.

Auch heute, im 21. Jahrhundert, wo Rumänien ein Mitgliedsstaat der Europäischen Union ist, ranken sich noch viele Mythen um Menschen mit Behinderung. Manager oder Politiker würden nicht mit ihrem behinderten Kind auftreten, denn das würde bedeuten, dass sie nicht „Manns genug“ sind, um ein gesundes Kind zu zeugen. Kinder mit Behinderung seien Auswirkungen ungenügender Potenz, ihre Behinderung sei ansteckend und mache krank.

Zelko weiß, dass nur direkte Konfrontation gegen den Aberglauben mancher Menschen hilft. Gemeinsam mit Menschen mit Behinderung und Therapeutinnen und Therapeuten hält die Organisation Vorträge an Universitäten. Der Ansatz ist einfach, erzielt in Bukarest aber seine Wirkung. „Die Studierenden können sie anschauen und berühren, sehen, dass es keinen Grund zur Angst gibt. Sie sollen sehen, dass diese Kinder nicht gefährlich sind.“

Vielleicht hat Zelko Recht und die Zeit heilt alle Wunden. Die Asociatia DOWN ist um Akzeptanz von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft bemüht, produziert dafür Werbespots und geht ständig einen Schritt weiter. Ihr Ziel ist es, der Bevölkerung durch Aufklärung die Angst vor Menschen mit Behinderung zu nehmen und diese in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen: „Wir dürfen nicht aufgeben und keine Generation vernachlässigen.“


Text: Anna Eisner-Kollmann | Fotos: Anna Eisner-Kollmann, Filip Bošnjak, Asociatia Down

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