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Vom Jungen zur Frau – Transgender in Rumänien

Wenn es um LGBTQ-Rechte ging, galt Rumänien lange als äußerst konservatives Land. Erst seit etwa 20 Jahren gibt es Gesetze, die diese Menschen schützen sollen. Die Umsetzung funktioniert aber nicht immer – besonders Transsexuelle haben immer noch verstärkt mit Anfeindungen im täglichen Leben zu kämpfen.

Daria Bulzan (19) und Alexa Valianatos (35) sind die bekanntesten rumänischen Transfrauen, und damit für manche Idole im Kampf für LGBTQ-Rechte – für andere aber ein erklärtes Feindbild. In Rumänien wurden erst 1996 homosexuelle Beziehungen und Geschlechtsumwandlungen legalisiert, seit 2000 gibt es Anti-Diskriminierungsgesetze.

Während Daria gerade ihr Studium begonnen hat, ist Alexa schon Mutter von zwei Töchtern. Balletttänzerin Daria kommt aus einem kleinen, konservativen Dorf, während Köchin Alexa in der Hauptstadt Bukarest aufgewachsen ist. YouTuberin Daria startete 18-jährig und in der High School mit ihrer Umwandlung, TV-Star Alexa begann damit erst mit 34 Jahren. Was die Frauen verbindet ist, dass sie beide nicht in dem Körper geboren wurden, der ihrem wirklichen Geschlecht entspricht, in einem Land, das sie so nicht wahrnimmt – oder wahrnehmen will? BLANK hat mit beiden gesprochen und ihre Aussagen gegenüber gestellt.

BLANK11: Wann wurde euch beiden bewusst, dass ihr Frauen seid?

Daria: Frag’ ich mich auch! Das war kein bewusster Moment, sondern einfach die Art, wie ich von Tag Eins an gelebt habe. Wenn ich zurückschaue, deutet alles darauf hin, dass ich schon immer eine Frau war: Im Kindergarten etwa habe ich mich als „Daria“ vorgestellt obwohl ich wusste, dass ich ein Junge sein sollte. Erst mit 17 Jahren fand ich heraus, was es bedeutet, Transgender zu sein.

Alexa: Mit sechs oder sieben Jahren habe ich begonnen, mir die Kleidung meiner Mutter anzuziehen und ihr Make-Up zu verwenden – allerdings immer heimlich, weil ich Angst hatte, bestraft zu werden. Falls meiner Mutter damals etwas aufgefallen ist, hat sie es jedenfalls nie angesprochen. Von ihr habe ich übrigens auch meinen Namen „Alexa“. Sie hat sich immer eine Tochter mit diesem Namen gewünscht, hatte aber eine Fehlgeburt. Nun bin ich das eben. Aber als ich geboren wurde, 1982, da dauerte es noch 20 Jahre, bis homosexuelle Beziehungen bei uns legalisiert wurden. So etwas wie „Transsexualität“ war für mich also erst recht kein Begriff. Aber als ich mit etwa 15 Jahren meine ersten sexuellen Erfahrungen mit meinem Nachbarn gemacht habe, hab’ ich mir schon gedacht: „Ich fühle mich wie ein Mädchen“.

Alexa bei der Geburt ihrer ersten Tochter Adina (li.) und bei ihrem Auftritt in der Kochshow „Chefs at Knives“ (Fotos von Alexa Valianatos)

BLANK11: Wie hat euer Umfeld auf eure Outings reagiert?

Daria: Meine Mutter hat es zuerst erfahren. Sie verstand es anfangs genau so wenig wie ich, aber sie hat bald gemerkt, dass es nicht nur „eine Phase“ ist. Von Anfang an hat sie mich so gut unterstützt, wie es ihr möglich war. Für meine Mutter war das eine große Belastung – wir kommen aus einem kleinen, konservativen Dorf, wo viele Leute sie für ihre Unterstützung verurteilten. Aber hey, da sind auch viele Frauen dabei, die gerne aussehen würden wie ich. Mama liebt mich trotzdem bedingungslos.

Meine restliche Schulzeit dagegen war die Hölle. Viele Kinder bespuckten und beleidigten mich, drohten mir und filmten das alles. Ich musste hart dafür kämpfen, einfach wie alle anderen behandelt zu werden. Bei meiner Abschlusszeremonie hat mich dann aber ein Lehrer, der mich vorher nicht akzeptiert hatte, mit „Daria“ aufgerufen – vor allen Anwesenden. In diesem Moment wusste ich, dass ich es geschafft habe.

Alexa: Bevor ich mich outete, war mein einziger Ausweg der gelegentliche One-Night-Stand mit Männern, bei dem ich wirklich Alexa sein konnte. Meine Frau hat das natürlich nicht gut aufgenommen und sich von mir getrennt. Also bin ich dann mit meinen Töchtern zusammengezogen und habe es den beiden auch als erstes erzählt. Ihre Reaktionen waren unglaublich. Sie sagten nur: „Das wissen wir schon. Wir haben Frauenkleidung in deinem Kasten gefunden und für uns ist das okay. Wir haben dich lieb, egal ob als Mann oder als Frau.“ Seit ich im Dezember 2016 meine Umwandlung begonnen habe, bin ich ihre Trans-Mami.

BLANK11: Wie gestaltet sich euer Familien- und Liebesleben nach der Umwandlung im konservativen Rumänien?

Daria: Ich habe immer schon Männer – nur Männer – gemocht. Ich bin also eine heterosexuelle Frau, die mit heterosexuellen Männern auf Dates geht. Allerdings habe ich jetzt, nach der Umwandlung, mehr Dates und bin einfach glücklicher damit, wie ich aussehe. Probleme damit, dass ich einmal im Körper eines Mannes gesteckt bin, hatte bis jetzt keiner. Das ist alles.

Alexa: Meine Familie ist daran zerbrochen, weil meine Ex-Frau es überhaupt nicht verkraften konnte, dass auch ich eine Frau bin. Sie sagte, sie „bräuchte ihre Freiheit“, und obwohl ich versucht habe, sie zurückzugewinnen, hat sie sich geweigert. Ich wünsche mir eine Beziehung und einen Freund, aber das ist in Rumänien fast unmöglich. Obwohl ich wirklich sehr gerne jemanden hätte, der mir Liebe gibt – wie sich das jede Frau eben wünscht – sehen viele der Männer hier Transfrauen als „Spielzeug“, um sich ausprobieren zu können.

Daria mit 17 Jahren (li.) und mit 19 Jahren, nach ihrer Umwandlung und einer Schönheitsoperation (Fotos von Daria Bulzan)

BLANK11: Hattet ihr Probleme, in der Gesellschaft als Frauen angenommen zu werden?

Daria: Jetzt an der Universität nicht, weil mich dort alle nur mehr als Daria kennen und als Studentin akzeptieren, in der Schule war es aber sehr schwer. Ich glaube, dass sich die Einstellung gegenüber LGBTQ-Personen mit den Generationen verändert – grundsätzlich haben junge Menschen weniger Probleme mit mir als alte oder besonders gläubige Menschen.

Alexa: Rumänien ist, was LGBTQ-Rechte angeht, in den 1990ern stecken geblieben. Für mich war, und ist es immer noch sehr schwer. Als ich letzten Dezember meinen Chef darüber informierte, dass ich in Behandlung gehen und mich äußerlich verändern würde, wurde ich kurzerhand gefeuert. Ich habe vorher eine Küche geleitet, und plötzlich traut man mir nicht mehr zu, dass ich die dafür nötige Autorität noch habe. Dadurch konnte ich meine Miete nicht mehr bezahlen und wurde fast, gemeinsam mit meinen Kindern, auf die Straße gesetzt. Ich wollte nur mehr Tabletten nehmen, 15, 20 Stück von etwas, das mich schnell umbringen würde. Fast hätte ich das auch getan, wenn mir nicht Mitglieder der LGBTQ-Community durch Fundraising mit der Miete geholfen hätten. Vor allem im Arbeitssektor gibt es also noch viele Ressentiments – es geht nicht darum, was du kannst, sondern wie du aussiehst.

Auch mit den Behörden hatte ich große Probleme, einerseits, weil meine Exfrau gegen mich geklagt hat. Ihre Begründung war, dass ich verrückt sei und die Kinder zerstöre. Nachdem ich jetzt aber oft in den Medien war, versteht sie mich besser. Andererseits musste ich etwa wegen Dokumenten zu Behörden in Bukarest. Die Polizisten dort behandelten mich wie einen wertlosen Menschen. Selbst wenn es Gesetze gegen Diskriminierung gibt, werden diese nicht von allen eingehalten.

BLANK11: Wie verhält sich der Staat in solchen Situationen? Werden Transsexuelle unterstützt, etwa bei den Kosten der Umwandlung?

Daria: Es ist fast so, als würden wir für den Staat gar nicht existieren. Keine Unterstützung, in keinster Weise. Die orthodoxe Kirche versucht allerdings momentan, gesetzliche Partnerschaften zwischen Homosexuellen zu verbieten, obwohl es das bei uns nicht mal gibt.

Alexa: Der Staat zahlt gar nichts für uns. Arztbesuche, Tabletten, wir müssen alles selbst finanzieren. Auch wenn es keine Gesetze gegen uns gibt, fehlen noch viele, die Rechte ermöglichen. Homosexuelle Menschen dürfen zum Beispiel nicht heiraten und auch keine Kinder adoptieren. Momentan kämpfen Konservative sogar dafür, die Verfassung zu ändern in: „Eine Ehe ist eine Verbindung zwischen Mann und Frau…“. Als transsexuelle Person kann man zwar legal den Namen ändern lassen, aber auch erst, wenn man ein Jahr ärztliche Behandlungen vorweisen kann.

Gemeinsame Unternehmungen mit Tochter Adina stehen fast täglich auf dem Programm (Foto von Alexa Valianatos)

BLANK11: Ihr steht beide in der Öffentlichkeit, Du Daria, durch deinen YouTube-Kanal, Du Alexa, durch deine Teilnahme an der TV-Show „Chefs at Knives“. Glaubt ihr, anderen Transsexuellen durch euer Vorbild den Weg ebnen zu können?

Daria: Ich wurde zwar als Vorbild für Transsexuelle bezeichnet, sehe mich aber selbst nicht so. Vorbild sein, da kommen zu viele Verpflichtungen mit. Ich habe zwar viele Hater, die stören mich aber nicht. Meinen YouTube-Kanal sehe ich als Weg, meine Redefreiheit zu praktizieren. Dort kann ich einfach eine Frau sein, die über Make-Up, Perücken und ihre Geschichte redet, aber auch mal ihre Meinung zu Weltthemen abgibt, etwa zur LGBTQ-Bewegung. Ich finde nämlich, dass sich viele viel zu stark auf das Geschlecht fokussieren, es daher zu etwas Besonderem und Außergewöhnlichem machen und alles zu einem Zirkus verkommt.

Alexa: Viele Menschen erkennen mich und sagen mir, dass sich durch mich ihre Sichtweise verändert hat – dass sie jetzt verstehen, warum wir sind, wie wir sind und das unterstützen. Die Menschen hier brauchen Erklärungen und die kann ich ihnen geben. Ich versuche momentan aber vor allem, meine Erfahrungen und meine Bekanntheit positiv umzusetzen, indem ich einen sicheren Arbeitsplatz für mich und andere in meiner Situation schaffe. Am liebsten würde ich ein Restaurant starten, in dem nur Transsexuelle arbeiten, die ansonsten keine Hilfe bekommen.

Text: Anna Holzhacker | Fotos: Daria Bulzan und Alexa Valianatos

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