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Rumäniens Kampf um Pressefreiheit

Pressefreiheit ist in der rumänischen Verfassung verankert. Doch in Wirklichkeit geben die politisch Mächtigen die Richtung in den Medien vor. Dagegen kämpft eine neue Welle des unabhängigen Journalismus.

Von Nischenblättern bis hin zu Zeitungen für anderssprachige Minderheiten wirkt es so, als sei die rumänische Bevölkerung medial gut bedient. Was allerdings die meisten Mainstream-Medien gemeinsam haben: Sie sind in den Händen von reichen Eigentümerinnen und Eigentümern mit politischem Hintergrund. Viele rumänische Publikationen vertreten daher Privatinteressen, anstatt freien und unabhängigen Journalismus zu produzieren. Dies ist zum Beispiel beim TV-Sender mit der größten Reichweite, Antena 3, der Fall. Gegründet und geführt wurde der Sender vom rumänischen Politiker Dan Voiculescu. Dieser wanderte 2014 wegen Geldwäsche ins Gefängnis.

Demnach erfolgt Zensur in Rumänien nicht vom Staat, sondern von den Medieneigentümerinnen und Eigentümern. Wer sich nicht an ihre Blattlinien halten will, riskiert seinen Job. „Dieses Risiko will kaum jemand eingehen. Deshalb zensieren sich viele – auch sehr begabte – Journalisten selbst“, erzählt Attila Biro, ein investigativer Journalist aus Bukarest. Einige Journalistinnen und Journalisten haben jedoch den Schritt gewagt, ihr eigenes Medium zu gründen, um frei von politischem Einfluss und unabhängig berichten zu können. Zwei dieser unabhängigen Medien hat BLANK in Bukarest besucht.

Dauerkampf gegen die Behörden

Betritt man das Büro vom Rise Project in Bukarest, fallen einem zuerst die Plakate an den Wänden auf. „Hört auf, Journalisten einzusperren, die nur ihre Arbeit machen“, steht auf einem von ihnen. Man merkt sofort: Hier wird Wert auf unabhängigen Journalismus gelegt. Das Team vom Rise Project widmet sich großen, investigativen Rechercheprojekten – sowohl im Inland als auch im Ausland. Als eines der 40 Mitglieder des Organized Crime and Corruption Reporting Project arbeitet Rise kollaborativ mit anderen Medien an grenzübergreifenden Geschichten und Investigationen.

Ein Beispiel dafür ist eine Recherche zu den illegalen Waldrodungen in Rumänien  mit denen unter anderem der österreichische Holzkonzern Schweighofer in Verbindung gebracht wird. Genauso berichten die Journalistinnen und Journalisten vom Rise Project über Missstände in Rumänien selbst. Eine derartige Berichterstattung gehe aber nicht problemlos über die Bühne. Einer der Journalisten, Attila Biro, erzählt von versuchten Interventionen der korrupten rumänischen Politik: „Die Behörden kontrollieren uns nach jeder viralen Story. Sie hoffen darauf, dass bei uns etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.“

Attila Biro vom Rise Project erklärt, wie es um die Medienlandschaft in Rumänien steht

Behördlichen Kontrollen entgeht hingegen die Casa Jurnalistului (übersetzt „Haus der Journalisten“). Dieses journalistische Projekt ist offiziell nicht als Medium, sondern als Organisation angemeldet und finanziert sich durch Spenden. Das Team rund um Vlad Ursulean wohnt gemeinsam in dem Haus, in dem sie arbeiten und ihre journalistischen Texte produzieren. Und genau hier macht sich das Konzept der Casa Journalistului bezahlt. Das Zusammenwohnen spart sämtlichen Bewohnerinnen und Bewohnern einiges an Ausgaben und gibt ihnen zugleich ein Sicherheitsnetz, wenn sich ihr Job in Gefahr befinden sollte.

Partyraum im Keller, Redaktion im Dachgeschoss. Dazwischen genug Wohnfläche für das gesamte Team. Das ist die Casa Jurnalistului

Hoffnung für die Zukunft

Die Arbeit, die das Rise Project und die Casa Jurnalistului in den freien Journalismus stecken, macht sich bezahlt. „Das Gute ist, dass sich in den letzten Jahren in Rumänien eine immer aktivere Zivilgesellschaft entwickelt hat“, sagt Attila Biro vom Rise. Für diese Zivilgesellschaft würden unabhängige Medien eine große Rolle spielen. Zudem verleitet der Bedarf an solchen Medien auch große Medienhäuser zur Veränderung. „Inzwischen zeigen die Mainstream-Medien zumindest klare, nicht manipulative Bilder von Protesten und dergleichen im Fernsehen“, sagt Vlad Ursulean von Casa Journalistului.

Die Mainstream-Medien seien aber noch lange nicht am Ziel und die Berichterstattung sei immer noch stark politisiert. Deshalb sind auf dem Weg zu freiem Journalismus in Rumänien die kleinen Initiativen wie das Rise Project oder Casa Jurnalistului im Aufschwung.


Text: Anna Rezk, Markus Steinrisser, Filip Bošnjak | Fotos: Verena Sophie Maier

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