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Von Bürokratisch zu Rumänisch

Transparent und nachvollziehbar – so sollte Regierungsarbeit laut der rumänischen NGO Funky Citizens ablaufen. Deshalb haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, politische Prozesse zu „übersetzen“ und dafür forschungsbasierte, datengesteuerte Online-Tools zu entwickeln. Radu Andrei hat uns von seiner Arbeit erzählt.

Eine Wolke aus Wattebäuschen hängt von der Deckenlampe im Eingangsbereich. Radu Andrei, einer der Funky Citizens, tippt auf sein Smartphone. Die Wolke leuchtet jetzt in blau, rot, grün. Sie war das Geschenk eines Künstlers und ist seitdem ein Highlight jeder Party im Salon, in den nicht mehr als 35 Leute passen. Neben dem Salon stehen den Funky Citizens noch zwei weitere Räume für ihre Arbeit zur Verfügung.

Meistens arbeiten sieben oder acht Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Büro, manche arbeiten von zuhause aus. Die meisten von ihnen sind angestellt. Zwischenzeitlich helfen auch Freiwillige aus. Andrei erklärt, dass die Funky Citizens “Übersetzer” sind. Sie vereinfachen den Fachjargon rumänischer Regierungsbehörden und wollen damit die Zivilgesellschaft zur Teilnahme am politischen Prozess motivieren.

Wohin fließt das Geld?

Angefangen hat alles mit einem Paar roter Schuhe, das sich Elena Calistru nicht leisten konnte. Sie musste noch Steuern aus den vergangenen Jahren nachzahlen. Wie konnte das passieren, dass sie erst Jahre später von den Steuernachzahlungen erfuhr? Wenn das Budget der Regierung knapp werde, versuche diese es durch solche Aktionen aufzutreiben, erklärt Andrei.

Durch den Verzicht auf die Schuhe war für Calistru der Grundstein für die Funky Citizens gelegt. Sie hatte bereits Erfahrung im NGO-Sektor und gründete die Organisation im Jahr 2012 gemeinsam mit ihrer Schwester Alina Calistru und ihrer besten Freundin Livia Jelea. Andrei ist Musiker und genoss sein Künstlerleben. Nach einiger Zeit wollte er sich aber aktiv engagieren und stieg bei der NGO als Verwaltungsdirektor ein.

Auf einer ihrer Websites erklären die Funky Citizens zum Beispiel, wofür der Staat das Geld seiner Bürger und Bürgerinnen ausgibt. Sie übersetzen fachspezifische und bürokratische Begriffe in einfache Worte. Um möglichst transparente Daten zu bekommen, arbeiten sie mit diversen Institutionen zusammen. „Die Regierung interessiert sich für keine Form von Transparenz“, sagt Andrei. Allerdings hänge es von der jeweiligen Regierungsorganisation ab. Manche davon arbeiten mehr, andere weniger transparent.

Aus dem Grund gründeten die Funky Citizens unter anderem Rumäniens erste Fact-Checking-Plattform, Factual, die gleichzeitig auch die erfolgreichste Plattform der Funky Citizens ist. Hauptsächlich überprüfen sie Aussagen von Rumäniens Politikern und Politikerinnen. Während politischer Debatten betrieben sie Live-Fact-Checking. Und das mit Erfolg: Jeder Fakten-Check wurde hunderte Male geteilt. Aufgrund der vielen Zugriffe brach ihre Website zeitweise zusammen.

In diesem Gebäude, knapp zwei Kilometer von Bukarests Altstadt entfernt, arbeiten die Funky Citizens.
In diesem Gebäude, knapp zwei Kilometer von Bukarests Altstadt entfernt, arbeiten die Funky Citizens

Rumänische Bürger und Bürgerinnen brauchen mehr politische Bildung, sind sich die Funky Citizens sicher. „Sie müssen wissen, welche Rolle sie als Bürger oder Bürgerin haben“, sagt Andrei. Es sei wichtig, dass die Bevölkerung darüber Bescheid weiß, welche Rechte, Aufgaben und Pflichten sie haben, wie sie politische Entscheidungsfindungsprozesse beeinflussen und ihr Leben besser gestalten können.

Als Andrei uns in ein Büro führt, entschuldigt er sich für das Chaos. Erst kürzlich waren rund 25 Kinder hier. Mit ihnen hat er einen politischen Prozess simuliert und nachgespielt, wie ein Gesetz zustande kommt. Die politische Bildung im Land müsse nämlich bei den Kindern beginnen. Darum gehen die Funky Citizens auch in Schulen, um dort Kindern politisches Wissen zu vermitteln. Für Andrei ist es eine „erfüllende Arbeit“.

Rumänien ist ein “Topf kochendes Wasser”

Seit 2012 finden in Rumänien immer wieder große Demonstrationen statt. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen organisieren sich selbst und vernetzen sich meist über Facebook. Andrei ist der Meinung, die Bevölkerung habe mittlerweile realisiert, dass sie stärker auftreten muss. Das Land sei wie ein “Topf kochendes Wasser”. Es bewege sich sehr viel, den Protesten fehle es aber noch an Struktur. Erst am Sonntag, dem 5. November 2017, gingen wieder tausende Menschen in Bukarest und weiteren Städten auf die Straße, um gegen Korruption zu demonstrieren. Sie wollen geplante Gesetzesänderungen verhindern, die die Unabhängigkeit der Justiz beeinträchtigen.

Dass sich Bürger und Bürgerinnen aktiv daran beteiligen, die Reform des öffentlichen Sektors zu beeinflussen, ist auch ein Ziel der Funky Citizens. Sie wollen mit ihrer Arbeit letztendlich für eine partizipative, verantwortungsvollere und transparentere Demokratie in Rumänien sorgen.


Text: Anja Liedl | Fotos: Katharina Brunner

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