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„Unsere Unwissenheit war ein Segen“

Oana Toiu ist soziale Unternehmerin. Dafür ließ sie Journalistinnen und Journalisten in die Haut von Roma schlüpfen, erfand eine Fernsehshow für Minderheiten und arbeitete als Sekretärin in der Regierung.

Es ist schwierig, eine rumänische Sozialinitiative der letzten zehn Jahre zu finden, bei der sie nicht mitgearbeitet hat. BLANK erklärt sie, warum ihr das noch nicht radikal genug war.

BLANK11: Wie würden Sie Ihren Job beschreiben?

Oana Toiu: Das ist die Frage, die ich am meisten fürchte (lacht). Meine Karriere ist ziemlich chaotisch. In allem was ich tue geht es um soziale Veränderung. Das ist irgendwie ein bedeutungsloses Schlagwort, aber ich stehe wirklich dahinter. Ich würde sagen, ich bin soziale Unternehmerin. Es ist aber immer noch schwierig, das meiner Mutter zu erklären.

Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Ich habe auf der Bukarester Universität Journalismus studiert. Eigentlich komme ich aus einem kleinen Dorf. Viele meiner Mitschüler wollten später auf eine Universität in einer großen Stadt gehen. Als ich bemerkt habe, wie viele sich für die wenigen freien Plätze bewerben, bekam ich Panik. Ich dachte, ich schaffe es niemals auf die Bukarester Uni. Also habe ich einen Pakt mit Gott geschlossen. Ich habe gesagt: Wenn ich es auf die Uni schaffe, werde ich mit meinem Studium etwas Gutes auf der Welt schaffen.

Als ich dann aufgenommen wurde, habe ich das erste Jahr meines Studiums vollkommen auf dieses Versprechen vergessen. In meinem zweiten Jahr erinnerte ich mich wieder daran und wurde Teil von Save the Children. Irgendwann landete ich dadurch in der Medienanalyse.

Dort fiel mir auf, dass Minderheiten in rumänischen Medien selten selbst zur Sprache kommen. Es hieß immer „Die“ und „Wir“. Einige meiner Kollegen dachten das Gleiche. Wir beschlossen, eine Fernsehshow zu starten. In Roma Europen zeigten wir die Geschichte und Kultur der Roma. Gleichzeitig betrieben wir investigative Recherchen und deckten auf, was alles schiefläuft, wenn es um Roma geht.

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Nehmen wir Hermannstadt – es ist eine der reicheren Städte Rumäniens. Aber in den Vororten ist es vollkommen anders. Es gibt Gemeinden, da ist es so wie man es aus Geschichten hört. Du kommst in die Nähe eines Romaortes und die Straße endet. Dort gibt es weder asphaltierte Wege noch Gehsteige.

Die Menschen aus der Stadt meinten, dass die Kinder dort zu faul seien um Lesen zu lernen. Wir sprachen mit den Bewohnern und fanden raus, dass etwa 90% der Romakinder der Gemeinde in Schulen für Kinder mit geistiger Beeinträchtigung registriert waren. Sie lernten weder Lesen noch Schreiben, weil ihnen Ärzte Bescheinigungen aushändigten, nach denen sie auf Sonderschulen gehen mussten.

Der Grund? Die Schulen erhalten höhere Fördergelder. Die Eltern der Schüler erhalten mehr Unterstützungsgeld vom Staat. Nachdem wir das aufdeckten, bekam die Gemeinde viel Aufmerksamkeit. Manche Kinder wurden danach in ordinäre Schulen geschickt. Es war aber nur ein kleiner Anfang.

Haben Sie dadurch gemerkt, dass sich die Einstellung in Hermannstadt gegenüber den Bewohnern und Bewohnerinnen am Stadtrand geändert hat?

Ja, ein wenig. Aber viele haben einfach zu wenige Berührungspunkte. Irgendwann wurde die Regierung auf mich aufmerksam. Sie luden mich ein, Teil eines Teams zu sein, das soziale Benachteiligungen unter Minderheiten verringert.

Das klingt nicht gerade wie ein vorübergehendes Projekt.

Nein, es war eine Riesensache. Ich habe in meiner Zeit als Medienanalytikerin bemerkt, wie wichtig Repräsentation ist. Es ist die Aufgabe der Journalisten, benachteiligten Gruppen eine Stimme zu geben. Wir sprachen mit Journalisten und Journalistinnen der Regierung darüber. Da meinte einer von ihnen, dass Diskriminierung in einer großen Stadt wie Bukarest kein Problem sei, solange man nicht stinkt und Geld hat.

Das nahm ich zum Anlass für ein Experiment. Für 24 Stunden steckte ich die Journalisten und Journalistinnen in typische Roma-Kostüme. Ich trug ihnen auf, ihrem Alltag nachzugehen. Am Ende ging es manchen von ihnen richtig miserabel. Manche wurden angespuckt. Eine Journalistin wurde nicht in ein Geschäft hineingelassen. Ein junger Mann, der auf einen Ball seiner Universität wollte und bereits ein Ticket hatte, wurde an der Tür abgewiesen. Ich denke, dadurch konnte ich ihnen zeigen, dass Roma sein jeden Aspekt deines Lebens beeinflusst. Selbst wenn man Geld hat und gepflegt aussieht.

Was sagt die Regierung zu ihren Herangehensweisen?

Um ehrlich zu sein, habe ich das Gefühl, ich hätte radikaler sein sollen. Ich war Teil der Technokratischen Regierung, die nach Protesten ein Jahr lang in Kraft getreten ist. Aber da wir nie gewählt wurden und uns mehr als eine Art Übergangsregierung verstanden, hielten wir uns zurück. Normalerweise übernimmt man die Stelle als Sekretär in der Regierung erst mit 50. Ich war also sehr jung, als ich die Position eingenommen habe.

Welche Erfolge haben Sie in Ihrer Zeit als Regierungsmitarbeiterin gefeiert?

Bevor ich das Amt als Sekretärin für Arbeit, Familie, Sozialschutz und Senioren übernahm, wollte ich nicht wirklich etwas mit Politik zu tun haben. Ich habe bei mir und auch bei vielen Freunden eine Politikverdrossenheit entdeckt. Man hat das Gefühl, dass die Probleme in der Politik und Regierung zu tief gehen.

Irgendwann gibt man auf, investiert keine Zeit mehr in den politischen Prozess und distanziert sich und alle Investitionen vom politischen Geschehen in Rumänien. Ich habe vielleicht auch mal so gedacht. Als Sekretärin in der Regierung war ich sehr unwissend. Ich denke aber, dass meine Unwissenheit auch ein Segen war. Wenn selbst ich so viel schaffen konnte, gibt es eine Hoffnung für unsere Politik.

Toiu ist gerade in Karenz. Für ihre Rückkehr in die Berufswelt hat sie bereits große Pläne

Gegen Ende meiner Zeit im Amt habe ich mich dafür eingesetzt, dass junge und mittellose Frauen nach der Geburt ihres Kindes gleich mit Grundlagen, wie Windeln, Babynahrung und etwas Kleidung nach Hause gehen. Mit der Europäischen Kommission konnte ich das Geld für diese Förderung ausmachen. Aber ich konnte es nicht vor Ende der Technokratischen Regierung finalisieren. Jetzt liegt das Projekt am Tisch. Es müsste nur noch von einem Regierungsmitarbeiter freigegeben werden. Das will aber niemand, da es als Erfolg der Technokraten gelten würde.

Haben Sie für die Zukunft politische Ambitionen?

Ich bin gerade dabei zu entscheiden, ob ich mich für ein politisches Amt bewerbe. Ich denke, ich habe die Ressourcen, um in der Politik Fuß zu fassen. Rumäninnen und Rumänen waren im letzen Frühjahr bereit, für ihre Überzeugungen auf die eiskalte Straße zu gehen. Ich denke, dann werden sie es auch schaffen, wählen zu gehen.


Text: Isadora Wallnoefer | Bilder: Markus Steinrisser

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