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Zuhause bei den Perjovschis

Hermannstadt. Zu Besuch bei Lia und Dan Perjovschi erzählt das Künstlerpaar über ihre zeitgenössische Kunst und wie der Kommunismus ihre Arbeit beeinflusste.

Der Hund bellt. Es ist nicht nötig, dass die Türglocke schellt, denn Lia Perjovschi steht bereits mit offenen Armen im Eingangstor. Dan und Lia Perjovschi sind international bekannte Kunstschaffende. Er stellte unter anderem im MoMA, dem Museum of Modern Art in New York, und der Biennale aus. Ein großer Teil ihres Zuhauses ist das Contemporary Art Archive. Lia und ihr feuerrotes Haar führen uns in die Welt des Künstlerpaares.

Konzept im Chaos

Eine Regalwand voller Bücher, Gläser mit kleinsten Dingen aus dem Alltag, aus Geschäften, aus Museumsshops, aus Supermärkten. Es wirkt chaotisch, aber Lias Contemporary Art Archive (CAA) ist geordnet nach sieben Departments:  Earth, Body, Art, Culture, Knowledge, Science und Universe.

Das CAA ist ein Projekt, das sich immer weiterentwickelt, eine Sammlung an
Alltagsgegenständen, die zur Kunst werden

Ihre erste Ausstellung mit Objekten aus dem Archiv hatte sie 1998. Egal welche Ausbildung die Betrachter und Betrachterinnen haben, sie alle können eine Verbindung zu den Objekten herstellen, denn sie sind aus dem Alltag. Sie stellt Dinge, Fotos oder Materialien aus dem Archiv bei Ausstellungen aus und setzt sie in gesellschaftlichen Kontext. Leute sehen es und denken darüber nach – das ist ihr Ziel.

„Die Menschen arbeiten morgens bis abends für immer weniger Lohn. Sie haben keine Zeit, nachzudenken.“

Die Aufgabe von Kunstschaffenden sei es aber zu beobachten. Mit sicherem Schritt geht Lia auf ihr chaotisches Wandregal zu und nimmt ein Stück heraus. Es ist ein Lineal für Kinder in Form einer Pistole. Wir finden uns in einer Art des Kriegszustandes, meint Lia. „These things are kinda cool now, right?“, schaltet sich Dan Perjovschi von der Seite her ein. Es ist nicht, als spräche man mit einer Person, aber sie ergänzen sich. Wie im Pingpong werfen sie ihre Aussagen hin und her.

Dan über seine Kunst: “I like to be short and definitive.”

Partner im Leben und in der Kunst

Lia und Dan Perjovschi sind in Hermannstadt geboren, haben sich als sie acht Jahre alt waren schon kennengelernt, zusammen eine Schule für begabte Kinder besucht und sind nun beide hauptberuflich Künstler und Künstlerin. Dan studierte am Conservatoire of Fine Arts in Iași, Lia an der Kunstuniversität in Bukarest.

Rumänien befand sich unter dem Ceausescu Regime im kommunistischen Höhepunkt. „Wir wussten quasi nichts über die Kunst aus den 60ern, 70ern, 80ern oder den 90ern.“ Theater, Bücher, Kunst von außen war auch für die Perjovschis offiziell nicht zugänglich. Ihre Vorstellung davon, Kunst zu machen, war geprägt davon, Blumen und Ceausescu-Portraits zu malen.

Ein Lineal in Form einer Pistole: Symbolisch für eine Gesellschaft, die sich im Krieg befindet, meint Lia Perjovschi

Lia sieht sich heute als Detektiv, sie beobachtet und sammelt Dinge und Bilder, die schon bestehen. Ihre Gedanken dahinter und der Kontext, in den sie sie setzt, bilden ihre Kunst. Daran Bilder zu sammeln und sie zu einem großen Ganzen zusammenzusetzen, war im Kommunismus nicht zu denken. „Wir sind nicht mit einem Markt aufgewachsen, wir haben nie Bilder gesammelt, weil es einfach keine gab“, beschreibt Dan die Kunstszene im Kommunismus.

Kunstwende mit der Revolution

Rumänien 1989: Der Kommunismus endet mit einer Revolution und diese leitet auch in der rumänischen Kunst eine Wende ein. Die Bevölkerung geht auf die Straße. Lia und Dan waren zufällig am Tag der Revolution in ihrer Heimat Hermannstadt. Sie wohnten zu dieser Zeit eigentlich nahe der ungarischen Grenze. In den Jahren nach der Revolution waren sie beide beschäftigt, weiter zu protestieren, die Kunst musste sich erst neu definieren und orientieren.

In Hermannstadt sind Dans Zeichnungen an dieser Wand offen und permanent zugänglich. Auch andere Künstler, Künstlerinnen und Organisationen steuern ihre Kunst bei

„Die Straßen Hermannstadts waren voll, es war eine blutige Revolution“, erzählt Dan während wir an seiner öffentlichen Galerie vorbeispazieren. Hier sammeln sich nicht nur seine, sondern auch Zeichnungen anderer Kunstschaffenden aus Hermannstadt an der Wand. Dans Zeichnungen, die sich oft mit europäischen Themen, Gesellschaft und Medienkonsum auseinandersetzt, veröffentlicht er in Ausstellungen aber auch seit 1991 in der Wochenzeitung revista 22. Und exklusiv im Printmagazin BLANK11 Ende Januar.


Text: Katharina Brunner | Fotos: Boris Böttger

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