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Eine Sache der Barmherzigkeit

Funktionierende Tierschutzgesetze gibt es in der Ukraine nicht. Asia Serpinskaja und Maxim Skripnikretten deshalb seit Jahren Tiere von Kiews Straßen. Doch wieso sich um streunende Hunde und Katzen kümmern, wenn ein Land im Krieg ist? 
Text: Iris Dorfegger, Fotos: Stefanie Burger

Vor kurzem haben wir diese fünf Welpen gefunden.“ Maxim Skripnik, ein Mann in schwarzer Fleece- Weste, steuert auf einen Raum mit Glasfront und blauen Fliesen zu. Als er die Tür öffnet, hüpfen ihm kleine, fiepende Fellknäuel entgegen. Späne wirbeln durch die Luft. „Als wir sie gefunden haben, waren sie nicht einmal zwei Wochen alt“, sagt er. Doch die jungen Hunde hatten Glück: Nachbarn des Tierheims fanden die Hundemutter nur wenige Tage später. Die Straßenhündin war von einem Auto angefahren worden. Die wiedervereinte Hundefamilie gehört zu etwa 800 ehemaligen Straßenhunden und -katzen, die im privaten Tierheim „Gostomel Shelter“ nahe Kiew Unterschlupf gefunden haben. Sechs MitarbeiterInnen kümmern sich um sie. Maxim Skripnik, der Mann in der Fleece-Weste, leitet das Tierheim. Gegründet hat es vor 16 Jahren die Präsidentin der Kiewer Gesellschaft für Tierschutz, Asia Serpinskaja. Für die 72-Jährige und den ehemaligen Geschäftsmann sind der Umgang mit Streunern kein Randthema ihres Landes, sondern eine zentrale Frage der Menschlichkeit.

Warten auf versprochene Hilfe

Eine Meinung, die scheinbar auch die lokale Politik teilt. Im Jänner 2015 deckte der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko gravierende Missstände in einem zehn Kilometer entfernten, staatlichen Tierheim auf. Ein Video hält den Besuch fest. In einem halbzerfallenen Gebäude drängen sich verängstigte Hunde in kleinen Zwingern. Überall liegt Müll. Es ist dunkel und in den Ecken kann man Schimmel erkennen. „Vielleicht wird jemand sagen: ,Wir haben Krieg und Sie geben sich mit Hunden ab’. Meine Antwort darauf wird sein, dass es eine Sache der Barmherzigkeit ist, des verantwortungsvollen Umgangs mit seinen Aufgaben und dass geklärt werden muss, wie öffentliche Gelder verwendet werden“, sagte Klitschko dazu in dem Video. Er versprach Hilfe für die verwahrlosten Vierbeiner und eine Sanierung des Budgets und mehr Personal. Über 7,5 Millionen Griwna flossen bis 2015 jährlich in 90 MitarbeiterInnen, die etwa 300 Tiere betreuen sollten. Was mit dem Geld wirklich passierte, ist bis heute nicht bekannt. Klitschko besuchte im selben Video auch das private Tierheim Gostomel Shelter. Er lobte die Arbeit und versprach auch dort Hilfe. Die TierschützerInnen waren optimistisch. Sie erklärten sich bereit, Hunde aus dem heruntergekommenen lokalen Tierheim zu übernehmen und freuten sich auf die Zusammenarbeit mit der Stadt. Doch die angekündigten Hunde kamen nie an. Auch die finanzielle Unterstützung, eine einmalige Zahlung von umgerechnet etwa 3 800 Euro, hält der Tierheimleiter für einen symbolischen Akt. „Für 800 Tiere ist das gar nichts. Wir brauchen alleine jeden Tag 1 000 Kilogramm Futter“, sagt er.

Happy End: Tierheimleiter Maxim Skripnik brachte die Familie dieses Welpen wieder zusammen

Ein Platz für streunende Hunde

Das Futter bekommt das Tierheim teilweise von befreundeten Geschäften, teilweise muss es gekauft werden. Jeden Tag verkochen die MitarbeiterInnen kiloweise rohes Fleisch zu Hundefutter. Die Öfen heizen sie dabei mit Holz, denn Gas und Strom sind zu teuer. Das Gostomel Shelter finanziert sich ausschließlich über Spenden, größere regelmäßige Unterstützung bekommt es keine. Laut der Tierheimleitung hat die internationale Hilfe nach dem Skandal um die Fußball-Europameisterschaft 2012 wieder stark nachgelassen. Um das Erscheinungsbild der Ukraine zu verbessern, wurden Streuner aus den Städten vor dem Großevent systematisch verbrannt, vergiftet und erschlagen. „Ukrainische TierschützerInnen kämpften mit Unterstützung von internationalen Hilfsorganisationen dagegen an. ‚Vier Pfoten‘ hatte zum Beispiel bei uns ihr Basislager“, erzählt Tierschützerin Serpinskaja. Nach der EM verließen viele Tierschutzorganisationen das Land. Das Problem mit den Streunern blieb.

Leid der Tiere als Grauzone

Auf den Holzplatten gegenüber dem Katzenzimmer beobachtet eine Hündin das Treiben. Ihr Fell ist schwarz, nur um die Nase herum hat sie bereits ein paar weiße Haare. „Das ist Julia“, schmunzelt Maxim Skripnik. Die sechsjährige Hündin ist seit Juni im Tierheim. „Als wir sie gefunden haben, war sie schwer verletzt und absolut bewegungsunfähig.“ Die Tierärztin sah keinen Ausweg und wollte sie einschläfern. Immer noch sind Hunde und Katzen auf der Straße Gewalt und Tod durch Menschen und Autos ausgesetzt. Funktionierende Tierschutzgesetze gibt es in der Ukraine nicht. Veränderungen gehen auch hier nur schleppend voran. Hunde zu töten sei zwar nicht legal, bestraft würde es laut Skripnik aber auch nicht. „Hundefänger gibt es immer noch und sie brüsten sich mit ihrem Verhalten im Internet“, sagt der Heimleiter und schüttelt den Kopf. Für Hündin Julia gab es dennoch ein Happy End. Tägliche Massagen päppelten die Hündin wieder auf.

Verletzte Tiere wie die Hündin Julia finden in der Ukraine nur schwer ein neues Zuhause

Fehlende Ressourcen für Tierschutz

„Asia war anfangs noch etwas romantisch“, sagt Maxim Skripnik über die Präsidentin der Kiewer Gesellschaft für Tierschutz, „sie dachte, man könnte das Streunerproblem mit Tierheimen wie diesem lösen.“ 16 Jahre später ist dieser Traum an seine Grenzen gestoßen. Platz und Arbeitskapazitäten in den Tierheimen reichen nicht aus, um allen Streunern ein Zuhause zu bieten. „Das Hauptproblem ist, dass keiner in der Ukraine wirklich für die Straßentiere verantwortlich ist.“ Aufgrund der Korruption und des Krieges fehlen dem Land die Ressourcen, um die Situation für die Tiere zu verbessern. Wo der Staat versagt, springen Freiwillige aus der Bevölkerung ein. Über 20 Menschen helfen regelmäßig im Gostomel Shelter. Eine befreundete Tierärztin behandelt wöchentlich die Schützlinge des Heims – kostenlos. Manchmal operiert sie bis zu zwölf Stunden am Stück. „Sie gibt diesen Hunden das Wertvollste, was sie in ihrem Leben hat – ihre Zeit“, sagt Heimleiter Skripnik. Für wirkliche Veränderungen führe an entsprechenden Tierschutzgesetzen und der Bestrafung von Hundefängern aber kein Weg vorbei. „Tiere zu schützen ist Teil jeder europäischen Gesellschaft. Entsprechende Gesetze und ordentliche Tierheime sind damit echte Schritte auf dem Weg zu einer europäischen Denkweise.“ Ob sich in Zukunft etwas ändern wird, weiß bei der Kiewer Tierschutzgesellschaft niemand. Doch es gibt auch Lichtblicke: Heuer konnten die TierschützerInnen erstmals mehr Tiere vermitteln als sie aufgenommen haben. Heimleiter Maxim Skripnik seufzt: „Wenn nur jeder Mensch in der Ukraine einem Straßenhund helfen würde, wäre das Problem morgen gelöst.“