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Eine Karte für den Frieden

Der Software-Entwickler Rodion Rozkowsky hat sich große Ziele gesetzt: Mit seinem Projekt LiveUAmap stellt er Kriege visuell dar und will damit sogar künftige Konflikte verhindern. Die Daten dafür holt er sich aus sozialen Netzwerken. Ein Gespräch
Text: Tristan Nikischer, Fotos: Veronika Sattlecker

BLANK X: Warum haben Sie Ihr Projekt gestartet?

Rodion Rozkowsky: Mein Kollege und ich sind selbst aus der Ukraine, aus Dnipro. Als im Jahr 2013 die Euromaidan- Proteste begannen, fiel uns auf, dass die ausländischen Medien stark von der russischen Berichterstattung abhängig waren. Es gab kaum ukrainische Quellen. Wir dachten, das müssen wir ändern. Wir wollten den Falschmeldungen Fakten entgegensetzen. Als Softwarespezialisten dachten wir da sofort an eine interaktive Karte.

Wie sah das am Anfang aus?

Anfangs nutzten wir noch Google Maps mit einfachen Markern. Als dann im Mai 2014 die Kämpfe im Donbass losgingen, haben wir unsere Webseite mit einem Nachrichtenfeed erweitert. Das war übersichtlicher. Bis zum Abschluss des Waffenstillstandes hatten wir täglich bis zu 200 000 Besucher auf unserer Webseite. Wir wurden sogar schon im französischen Fernsehen gezeigt. Die Server unserer Webseite waren oft überlastet. Es war verrückt!

Woher kommen die Informationen?

Mittlerweile benutzen wir ausschließlich Twitter- Meldungen als Quelle. Ein Algorithmus durchsucht Twitter nach bestimmten Schlagwörtern und Ortungsdaten. Unsere Redakteure bearbeiten und analysieren dann die Meldungen und vergleichen unterschiedliche Quellen miteinander. Auf den Algorithmus alleine können wir uns nicht verlassen. Deshalb sind wir bei diesem Prozess sehr vorsichtig.

Warum setzen Sie so stark auf Geolocations und visuelle Darstellung?

Wir wollen, dass jeder Mensch Konflikte und Kriege verstehen kann. Unsere These lautet: Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Wirbelsturm auslösen. Der Grundgedanke ist ähnlich wie die Hauptaussage des Films „Butterfly Effect”. Ein Beispiel: Russland hat die Krim annektiert. Von den Häfen der Krim werden Waffen nach Syrien verschifft. Diese Waffen werden an Flugzeugen montiert. Diese Flugzeuge bombardieren Aleppo. Die Bewohner von Aleppo fliehen in die Türkei, kommen auf den Balkan und schließlich nach Österreich. Wir wollen zeigen, dass beispielsweise ein einzelner Tweet einen ganzen Krieg auslösen kann – und genau das wollen wir zukünftig verhindern. Das Ganze mag sehr idealistisch und unmöglich erscheinen, aber wir wollen diese Zusammenhänge mittels Big Data erkennen und darstellen.

Sie haben das Projekt als Zweimann-Start-up begonnen. Wie groß ist das Team inzwischen?

Mittlerweile arbeiten bei uns neun Redakteure. Dazu kommen etliche Freiwillige. Wir haben sogar schon einen Ägypter engagiert, der für uns dolmetschen wird, da wir ja auch eine Karte über den Syrienkonflikt haben.

Wie finanziert sich das Projekt?

Wir schalten Werbung mittels „Google AdSense“ auf unserer Webseite. Rein von Spenden können und wollen wir nicht leben, da unsere Server und die Softwareentwicklung sehr teuer sind und Spenden auch unsere Objektivität beeinflussen könnten. Inzwischen sind wir zwar im Gespräch mit einem Investor, wägen diesen Schritt jedoch sehr genau ab, da wir unabhängig bleiben wollen. Bei dem Investor handelt es sich übrigens um eine Privatperson und keine große Firma.

Was sind die Zukunftspläne für Liveuamap?

Wir werden von Google Maps zu OpenStreetMap wechseln. Dort sind die Karten wesentlich genauer ausgearbeitet und besser dargestellt. Außerdem haben wir geplant, zukünftig auch über den Rest von Europa zu berichten. Aber das wird noch dauern, denn Softwareentwicklung und Server sind sehr teuer.