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Feminismus oben ohne

Eine junge Frau erfindet 2008 in Kiew den Feminismus neu. Anna Hutsol schreibt ihre Parolen nicht auf Fahnen, sondern auf ihre nackte Brust. Mit ihrer Protestgruppe Femen macht sie weltweit Schlagzeilen. Inzwischen ist es um die Feministinnen still geworden.
Text: Lena Obermaier, Fotos: Femen

Am 14. November sprach Anna Hutsol bei der Konferenz „Fuck up Night”: „Auf dieser Konferenz erzählen Menschen wie sie mit ihren Projekten gescheitert sind. Ich habe über einen unserer wichtigsten Proteste gegen Janukowytsch 2010 gesprochen. Damals glaubten wir, dass wir nichts damit bewirken würden und waren darauf vorbereitet zu scheitern. Doch im Rückblick waren wir viel erfolgreicher, als wir uns das jemals erhofft hatten.“ Wenn Anna Hutsol über die feministische Bewegung erzählt, schwingt Stolz in ihrer Stimme mit. Zu Recht, denn die Janukowytsch-Aktion erregte weltweit großes Aufsehen.

„Wann heiratest du endlich?“

Anna Hutsol spricht über die Situation der ukrainischen Frauen und damit auch über ihre eigene: „In Kiew hat es eine junge Frau leicht. Die Stadt ist modern und europäisch. In den Dörfern aber ist der größte Wunsch junger Frauen zu heiraten. Es ist schwer, einen Job zu finden und es gibt keine Wege für sie, ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Niemand spricht über Feminismus oder Emanzipation. Meine Mutter interessieren meine Erfolge nicht. Sie fragt nur: ,Wann heiratest du endlich?’” Der große gesellschaftliche und familiäre Druck, sowie der Mangel an Arbeitsplätzen, drängen Frauen in stereotype Rollenbilder.

Femen-Gründerin Anna Hutsol (2.v.l.) spricht bei einer Protestaktion vor der ukrainischen Geheimdienstzentrale zu internationalen Reporterinnen und Reportern (c) Femen

Ihre auffallend feuerroten Haare und die leidenschaftlichen Gesten lassen die junge Frau temperamentvoll, mutig und stark erscheinen. Mit energischer Stimme spricht sie lange darüber, warum es sich lohnt, für Frauenrechte zu kämpfen. Neun Jahre nach der Gründung reflektiert sie die von ihr ins Leben gerufene Protestbewegung, die doch so vieles erreichen wollte und heute nur mehr drei aktive Mitglieder in der Ukraine zählt. Die Gründerin von Femen ist die einzige aus der ursprünglichen Gruppe, die noch in der Ukraine lebt. Die anderen sind nach Paris geflohen. Ihre radikalen Proteste gegen den ehemaligen Präsidenten brachten sie mit dem ukrainischen Staat in Konflikt. Denn Femen sind nicht nur Kritikerinnen von Janukowytsch, sondern auch von Putin. Sie lehnen jegliche Art der Prostitution ab, setzen sich für die Rechte von Lesben, Schwulen und Transsexuellen, aber vor allem für Frauenrechte ein. Ihr Ziel: Das Ende des Patriarchats – weltweit.

Nackte Haut gegen das Patriarchat

Genauso radikal wie ihre Aktionen scheinen ihre Absichten zu sein. Im Manifest auf ihrer Webseite setzen sie sich hohe Ziele. Fast illusorisch malen sie sich aus, wie das Patriarchat verschwindet. Der „Sextremismus“ soll nicht nur die Frauen der Ukraine von Unterdrückung befreien, sondern alle Frauen. „Wir entschieden uns für unsere Brust als Format, um gesellschaftliche Probleme sichtbar zu machen,” sagt Anna Hutsol. Kritikerinnen und Kritiker unterstellen der Gruppe, in Stereotype zu fallen, weil sie ihre nackten Brüste zeigen. Dafür hat Anna Hutsol kein Verständnis: „Der nackte Körper ist eine Waffe und zeigt gleichzeitig, dass man unbewaffnet ist. Ich bin nackt und frei. Ich zeige, dass ich tun kann, was ich will.“

Als Studentin gründet Anna Hutsol 2008 mit Freundinnen eine feministische Bewegung. Ihre Proteste wirken in ihrer Kompromisslosigkeit wie Kunstaktionen: Bei einer Aktion urinieren sie auf das Bild des ehemaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch. Sie malen sich die ukrainischen Nationalfarben auf die Oberkörper und schreiben auf den blau-gelben Hintergrund mit großen
schwarzen Buchstaben: „Verpiss dich, Janukowytsch!” Mit dem Spruch „Die Ukraine ist kein Bordell“ auf der nackten Brust kämpfen sie gegen die Fußball-Europameisterschaft 2012 und richten damit die Aufmerksamkeit der internationalen Presse auf den Sextourismus in der Ukraine.

Mit „Break the Wall“ protestierten Femen im November 2016 für die Visafreiheit in die EU – die Aktion fand nahe der Deutschen Botschaft in Kiew statt (c) Femen

Besonders wichtig ist Hutsol der Kampf gegen die sexuelle Ausbeutung der Frauen. Prostitution ist in der Ukraine illegal, jedoch arbeiten laut Schätzungen des Ukrainischen Instituts für Sozialstudien 50 000 Personen als Prostituierte. Die meisten von ihnen in Gegenden, in denen der Tourismus floriert. In Kiew gibt es 9 000, in Odessa 6 000 und auf der Krim 2 000 Prostituierte. „Die Prostitution war schon immer ein großes Problem der Ukraine. Besonders der Krieg im Osten bedeutet eine wirtschaftliche Krise. Diese drängt die Leute dazu, auf jede erdenkliche Art Geld zu machen”, sagt Hutsol. „Die Prostitution floriert in Ländern, in denen Frauen nicht genügend Rechte haben. Dort, wo sie Menschen zweiter Klasse sind. Solange diese Welt eine Welt der Männer ist, wird Prostitution bestehen bleiben.” Um die Sexindustrie in den Griff zu bekommen, fordert Hutsol das sogenannte nordische Modell. Hier werden nicht die Prostituierten kriminalisiert, sondern ihre Kunden, Zuhälter und Profiteure. „Leider ist unsere Gesellschaft sehr patriarchal. Es ist eine Schande sich zu prostituieren, aber nicht eine Prostituierte zu kaufen. In unserer Gesellschaft geht es um Showbusiness“, meint Hutsol nüchtern.

Feministische Kampfbewegung

Ihre Religions- und Politikkritik brachten Femen früh in Konflikt mit dem ukrainischen Staat. Die Aktivistinnen sehen Religion als Grundbaustein der Männerherrschaft. Bei einer Protestaktion schnitt Inna Schewtschenko 2013 in einer Hommage an die religionskritische, aktivistische Frauenband Pussy Riot ein vier Meter hohes Holzkreuz in der Nähe des Maidanplatzes in Kiew mit einer Motorsäge um. Daraufhin wurde das damalige Hauptquartier von Femen von Polizeikräften umstellt und durchsucht. Auch mit anderen Aktionen gegen den ehemaligen ukrainischen Präsident Janukowytsch und Russlands Präsident Putin hatten sie sich bei den Behörden keine Freunde gemacht. 2013 flüchteten die Frauen nach Frankreich, heute befindet sich ihre Zentrale in Paris. Erst nachdem Janukowytsch nach Russland abgetaucht war, wurde Anna Hutsols Visumsantrag angenommen. Daraufhin entschied sie sich als einzige, in die Ukraine zurückzukehren, um weiter für Frauenrechte zu kämpfen.

„Die Welt verändert sich und unsere Methoden sind für uns gefährlich geworden“, erzählt Hutsol und spricht dabei auch zunehmende islamistische Angriffe in Europa an. Bei einer Aktion 2015 auf einer Konferenz bei Paris zu den Themen Frauen und Islam wurden zwei Femen-Aktivistinnen mit Gewalt von der Bühne gezerrt und dabei von mehreren Männern angegriffen, bevor die Polizei eingreifen konnte. „Darum ist Femen weniger aktiv. Einige von uns haben Angst,“ meint Anna Hutsol.

Eine Partei der Frauen

Trotz dieser Gefahren engagiert sich die junge Frau weiterhin für Frauenrechte in der Ukraine. Mit ihrer Erfahrung unterstützt sie soziale Projekte, die Frauen bei der Jobsuche unterstützen. Dort lernen sie beispielsweise, Webseiten aufzubauen, um selbstständig Geld zu verdienen. Anna Hutsol träumt davon, eine Frauenpartei zu gründen: „Es fehlt eine politische Kraft, die die Probleme der Frauen in der Ukraine anspricht.” Der Frauenanteil im Parlament liegt nur bei zwölf Prozent. Femen fordert eine Frauenquote von 50 Prozent im Parlament sowie in Vorständen. Die Protestbewegung setzt sich für Lohngleichheit und stärkere Frauenrechte ein. „Die Finanzierung einer Partei ist schwierig, aber die ukrainischen Frauen wären bereit, eine Frauenpartei zu wählen“, ist sich Hutsol sicher.