Zurück zum Content

Start-Ups im Radio, TV und Web

In der Aufbruchstimmung des Euromaidan beschlossen Journalistinnen und Journalisten eigene Medien zu gründen – kritisch und unabhängig sollten sie über die Ereignisse im Land berichten. Nach anfänglichem Erfolg stellt sich Ernüchterung ein. Drei Projekte in der Übersicht.
Text: Christoph Wünscher, Fotos: Sarah Seifzenecker und Veronika Sattlecker

Öffentliches Fernsehen

Hromadske-Mitbegründer Andrii Bashtovyi ist nun Digitalchef (c) Sarah Seifzenecker

Andrii Bashtovyi und seine KollegInnen arbeiten im neunten Stock eines Hochhauses mitten in Kiew. Die Räumlichkeiten ähneln Start-up-Büros, alles wirkt etwas improvisiert, die Angestellten an den Schreibtischen sind alle unter 30. Erst vor kurzem hat der junge TV-Sender den zehnten Stock dazugemietet, um weiteren Platz zu schaffen. „Während des Euromaidan sind wir zu schnell gewachsen und wir haben noch immer Probleme mit dem schnellen Wachstum“, meint Bashtovyi, der von Anfang an dabei war und nun Head of Digital bei einem Internetsender mit etwa 150 Angestellten ist.

Vor über drei Jahren, im Juni 2013, hat er mit sieben weiteren JournalistInnen beschlossen, in der Ukraine ein öffentlich-rechtliches Fernsehen nach dem Vorbild der BBC zu schaffen. Unter dem Namen Hromadske, zu Deutsch „öffentliches Fernsehen“, wollten sie eine Alternative zu den privaten Sendern der Oligarchen bieten, die diese für ihre eigenen Interessen missbrauchen, anstatt unabhängigen Journalismus zu ermöglichen – so eine Einschätzung von Reporter ohne Grenzen. Der anfänglich große Erfolg ist eng mit den jüngeren Entwicklungen des Landes und dem Euromaidan verbunden. Einen Tag nach Beginn der Proteste im November 2013 ging Hromadske erstmals auf Sendung und berichtete täglich live von den Ereignissen. Der Sender verstand sich als Sprachrohr der Revolution, aber auch als kritisches Medium der neuen Ukraine.

„Wir haben noch immer Probleme mit dem schnellen Wachstum.“

Internationale Geldgeber aus Amerika, Schweden, Deutschland und den Niederlanden wurden auf Hromadske aufmerksam und begannen, die NGO zu subventionieren. „Sie unterstützen das Projekt, ohne auf die Berichterstattung Einfluss zu nehmen”, versichert Bashtovyi. Zusätzlich versucht das Team, die Finanzierung durch neue Erlösmodelle wie Crowdfunding, aber auch Werbung und Merchandising zu erweitern. Die anfänglichen Nutzerzahlen sind zurückgegangen, Kritiker nennen Hromadske mittlerweile ein Nischenprogramm. „Wir sind technisch, als auch organisatorisch noch nicht so weit“, sagt Bashtovyi. Ihrem Ziel, öffentlich-rechtliches Fernsehen zu betreiben, kommen er und seine KollegInnen jedoch näher. Seit einem Monat wird Hromadske über Satellit und Kabel ausgestrahlt, damit erreichen sie zwei Drittel der Bevölkerung. Auch Personen ohne Internetzugang können heute Hromadske empfangen. Das nationale Fernsehen strahlt mittlerweile ausgewählte Sendungen von Hromadske aus. „Es wäre großartig, wenn Hromadske in fünf Jahren öffentlich-rechtlich sendet”, meint Bashtovyi.

 

Gegen Falschmeldungen

Yevhen Fedchenko versucht mit seinem Team Falschmeldungen in Medien aufzudecken. (c) Boris Böttger

„Der Eurovision-Songcontest wird von Kiew nach Moskau verlegt“. Das haben zahlreiche russische Medien wie RIA Nowosti, Interfax, TASS, der Sender Dozhd, Rossijskaja gaseta und Westi Anfang Dezember 2015 bekanntgegeben. Eine Falschmeldung, die bewusst veröffentlicht worden sei, um „den Ruf des Landes zu beschmutzen“, so der ukrainische Premierminister Wolodymyr Hrojsman.

Dass es sich um keinen Einzelfall handelt, beweist die Arbeit von StopFake. Ein Team aus 25 Personen beschäftigt sich ausschließlich damit, diese teils kuriosen, aber auch hochpolitisch gefälschten Informationen aufzudecken und Manipulationen aufzulösen, die in den Medien über die Ukraine verbreitet werden. Studierende und AbsolventInnen der Mohyla Journalismusschule in Kiew haben die Onlineplattform im März 2014, nach der Annexion der Halbinsel Krim durch Russland, gegründet. Was sich ursprünglich an MeinungsmacherInnen, wie BloggerInnen und JournalistInnen richtete, weckte laut Yevhen Fedchenko, Direktor der Mohyla Journalismusschule, auch in der breiten Bevölkerung großes Interesse (siehe Grafik). Demnach lesen auch viele Menschen aus Russland ihre Geschichten, da die meisten regierungskritischen Medien in ihrem Land verboten seien. Sie stoßen meistens über die Google-Suchfunktion oder Facebook auf die Arbeit von Fedchenko und seinen KollegInnen.

„Russische Propaganda ist ein universelles und länderübergreifendes Thema”

Neben Russisch wird das Angebot in neun weitere Sprachen übersetzt, darunter Deutsch, Italienisch, Spanisch und Niederländisch. StopFake möchte durch diese Vielsprachigkeit Menschen auf das Thema aufmerksam machen, die bisher wenig über den Krieg im Osten der Ukraine und die russischen Propagandataktiken wussten. „Russische Propaganda ist ein universelles und länderübergreifendes Thema”, erklärt Fedchenko.

Was die finanzielle Situation von StopFake betrifft, meint er: „Wir kämpfen, aber wir überleben.“ Die Plattform läuft als Start-up und ist abhängig von privaten und institutionellen Spenden. Ein weiteres Angebot von StopFake ist ein gedruckter Newsletter für Menschen in den Kriegsgebieten der Ostukraine, die diesen seit Dezember per Post erhalten. Damit wollen sie ihnen kritische Medienberichte zur Verfügung stellen. Mit über 1 000 aufgedeckten Falschmeldungen will sich das Team in Zukunft auch auf Forschung im Bereich Propaganda konzentrieren und Medienkompetenztrainings sowie Beratung für ausländische Regierungen und staatliche Behörden anbieten.

Fedchenko glaubt, dass sich die Bedingungen für kritischen Journalismus weiter verbessern werden. Er beobachtet, wie der Einfluss privater Sender von Oli- garchen bereits zurückgeht: „Die BürgerInnen vertrauen ihnen nicht mehr.” Sender wie Inter oder 1+1 dominieren zwar noch immer den Medienmarkt, doch ausschließlich wegen ihres Unterhaltungsprogramms. „Durch ihre Berichterstattung über den Euromaidan und den Krieg haben sie endgültig ihre Glaubwürdigkeit verloren”, so Fedchenko.

 

Ein Radio will Jugendliche motivieren

Wolodymyr Beglow gründete aus Frustration seinen eigenen Radiosender. (c) Veronika Sattlecker

„Mach, was du liebst und liebe, was du machst” ist eine zentrale Aussage der Lehre des bedeutenden ukrainischen Philosophen und Dichters Gregorius Skovoroda. Inspiriert von seiner These, gründeten vier junge JournalistInnen im September 2015 in Lwiw gemeinsam ein Onlineradio. Mitbegründer Wolodymyr Beglow, der selbst Philosophie studiert hat, arbeitete, wie seine KollegInnen, zuvor in traditionellen Medienunternehmen. Aber alle waren frustriert, dass deren EigentümerInnen und InvestorInnen Einfluss auf die Inhalte und das Programm nehmen.

Mit ihrem Beispiel versuchen sie auch andere Menschen zu überzeugen, dass es sich lohnt, selbst Initiative zu ergreifen. „Wir möchten Jugendlichen zeigen, dass sie auch ohne Unterstützung der Regierung erfolgreich sein können”, sagt Beglow. Die jungen JournalistInnen von Radio Skovoroda wollen außerdem neue ExpertInnen und Themen in die öffentliche Diskussion bringen. „Wir machen die Stars von morgen“, lacht Beglow. Jahrelang seien im ukrainischen Fernsehen und Radio immer wieder dieselben Gesichter und Stimmen zu hören gewesen. „Dabei gibt es bei uns genügend andere kluge Personen”, sagt der junge Journalist.

„Wir machen die Stars von morgen.”

Auf Radio Skovoroda spielen sie hauptsächlich progressive, ukrainische und ausländische Musik und unterhalten ihr Publikum mit regelmäßigen Talksendungen. Beglows Sendung „Theorie von Beglow” läuft immer abends von sechs bis acht, als GesprächspartnerInnen lädt er spannende Studiogäste ein.

Doch das Onlineradio hat außer der oben erwähnten Inspiration noch etwas mit seinem Namensgeber gemeinsam: So, wie Gregorius Skoworoda als umherreisender Philosoph Ende des 18. Jahrhunderts seine Lehre verbreitete, sendet Skovoroda als wanderndes Radio von verschiedenen Orten, wie zum Beispiel Cafés oder Bibliotheken. Etwa 5000 ZuhörerInnen hat der Sender täglich, die meisten kommen aus Lwiw und Kiew. Finanziert wird der Onlinesender, wie Hromadske und StopFake, durch internationale Spenden und Werbung.

Gegenüberstellung: Reichweite und Finanzierung der neuen Medien