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Auf der Suche nach einem Zuhause

Geboren in der Ukraine, aufgewachsen in Deutschland und aktuell tätig als Schauspielerin am Grazer Schauspielhaus – Tamara Semzov lebt seit ihrer Kindheit zwischen zwei Welten.
Text: Sarah Gritsch, Fotos: Lupi Spuma

Die Schauspielerin Tamara Semzov blickt verträumt von einer Nebenbühne des Grazer Schauspielhauses. Sie ist gekleidet wie die ukrainische Lehrerin, die als Kind ihr Vorbild war – in hohen Stiefeln, einem eleganten Rock, rosa Pullover, einer Fellmütze und rot geschminkten Lippen. Semzov erzählt von ihren ersten Eindrücken in Deutschland: „Ich hab mir Deutschland so ähnlich wie einen amerikanischen Vorort vorgestellt. Mit cooler Kleidung, Ghettoblaster, Eis, Sonnenbrille und all den Dingen. Und es sah wirklich so aus.“

Von Charkiw nach Hannover

Tamara Semzov ist gebürtige Ukrainerin und Schauspielerin am Grazer Schauspielhaus. Dort trat sie mit ihrem ersten Theaterstück „Malenkaya Strana“, Kleines Land, auf. „Malenkaya Strana“ handelt vom Verlust der Heimat, dem Drang nach Anpassung und der Rückkehr in eine veränderte Ukraine. Die ersten sechs Lebensjahre verbrachte Tamara Semzov in der Ukraine. In einer Familie, die laut Semzov „typisch“ für die damalige Sowjetunion war. In einer Plattenbauwohnung in Charkiw mit einer Oma, die besser ukrainisch kochen konnte als alle anderen und die Tamara Kosenamen wie Goldschatz oder Sonnlein gab. Tamaras Eltern, beide Maschinenbauingenieure, standen nach dem Ende der Sowjetunion vor dem Neuanfang. Dieser führte Tamara und ihre Familie Ende der 1990er Jahre von Charkiw nach Hannover.

„Mittlerweile ist alles wie eine Erinnerung an einen Film. In der Ukraine habe ich jeden Abend mit den Nachbarskindern auf dem Hof gespielt. In Deutschland läuft das nicht so. Man trifft sich nicht einfach, man muss sich verabreden und muss fragen, ob man mitspielen darf“, erzählt Tamara auf der Bühne im Schauspielhaus und wiegt ihre nackten Füße verspielt wie ein Kind hin und her.

Vor ihrer Reise in die Ukraine hatte Tamara Semzov ein romantisches Bild von ihrer Heimat. (c) Lupi Spuma

Deutsche Freunde, ukrainische Großeltern

Tamara Semzov wollte gleich sein wie die deutschen Kinder. Deshalb versuchte sie so schnell wie möglich Deutsch zu lernen, ohne Akzent zu sprechen und die gleichen Dinge zu mögen, die deutsche Kinder mögen: „Ich wollte das Ukrainische in mir ablegen und ‚deutsch’ werden.“ Freunde zu sich nach Hause einzuladen, war für Tamara schwer. Niemand sollte sehen, dass sie anders war als deutsche Kinder und niemand sollte sehen, dass ihre Großmutter ukrainisch kochte und nicht deutsch, so wie es die Großeltern deutscher Kinder tun. „Als ich das erste Mal eine Freundin zu mir nach Hause eingeladen habe, habe ich den Besuch total inszeniert. Ich habe meiner Großmutter gesagt, dass sie Fischstäbchen mit Kartoffelpüree kochen soll, aber nicht mit selbstgemachtem Kartoffelpüree, sondern mit Kartoffelpüree aus der Tüte. Das mögen deutsche Kinder. Danach habe ich meiner Mutter gesagt, dass sie das Essen von meiner Oma holen und in unsere Wohnung bringen soll“, erzählt Tamara. Sie lehnt in einer Ecke der Bühne und lässt den Blick über das Publikum schweifen.

„Ich wollte das Ukrainische in mir ablegen und ‚deutsch’ werden.“

Die Rückkehr nach 17 Jahren

Die Frage nach der Identität hat Tamara Semzov seit ihrer Kindheit nie richtig losgelassen. Oft fühlte sie sich fehl am Platz und besonders nach ihrer Ankunft in Deutschland wollte sie manchmal einfach die alten Koffer packen und zurückkehren. Doch erst 17 Jahre später tat sie es wirklich. Eine Reise, die Tamara ihren Wurzeln ein Stück näher gebracht hat. Ihre Verwandtschaft und alte Freunde hießen sie so warm und herzlich willkommen, als wäre sie nie wirklich weg gewesen und Tamara fühlte sich sofort vertraut in dem alten Umfeld ihrer Kindheit. Dennoch hatte sich das Land seit ihrer Abreise vor 17 Jahren verändert, es war nicht mehr die Ukraine, die Tamara als Kind verlassen hatte und an die sie sich erinnerte. Es tat ihr gut, mit anderen Leuten als ihren Eltern russisch zusprechen und alte Freunde wiederzusehen, so wie ihren Kindheitsfreund Vitalik. Vitalik, mit dem sie als Kind auf dem Hof gespielt hatte, war nun seit mehr als einem Jahr verheiratet und hatte einen Sohn. Etwas, das für die gleichaltrige Tamara ein großer Kontrast zu ihrem Leben in Österreich ist. Sehr ergriffen hat sie die Armut, vor allem in ländlichen Gebieten. Viele Menschen müssen mit weniger als 200 Euro pro Monat leben. „Mich hat das schockiert. In Österreich kann ich es mir leisten, jeden Tag einen Kaffee trinken zu gehen, wenn ich will. Das Geld könnte den Menschen dort wirklich helfen.”

Tamara Semzov teilt mit ihrem Publikum Erinnerung aus ihrer Kindheit. (c) Lupi Spuma

 

Ein verändertes Land

Auch der sprachliche Konflikt, den es vor 17 Jahren noch nicht gegeben hat, macht Tamara heute Sorgen. Angekommen am Flughafen in der Ukraine, griff sie sofort zum Handy und rief ihren Vater an: “Soll ich hier überhaupt noch Russisch sprechen?” Denn in der Ukraine ist nicht jeder gut auf Russland zu sprechen: „Ich bin in eine Apotheke gegangen und wollte Aspirin kaufen. Ich habe die Verkäuferin auf Russisch angesprochen und sie wollte mir nicht auf Russisch antworten, obwohl ich auch aus der Ukraine komme.“ Für Tamara war die Rückkehr in ihr Heimatland eine Reise, die sie zurück zu ihren Wurzeln gebracht hat. Die Reise hat ihr auch bewusst gemacht, wie glücklich sie mit ihrem Leben und den Möglichkeiten, die sie in Österreich hat, sein kann. Tamara Semzov hat akzeptiert, dass sie sowohl Deutsche als auch Ukrainerin ist. Und sie weiß auch, dass beide Seiten zu ihr gehören.

Zur Person

Tamara Semzov, 24 Jahre alt, ist Schauspielerin am Grazer Schauspielhaus. Mit sieben Jahren kam sie mit ihrer Familie aus der ukrainischen Stadt Charkiw nach Deutschland. Nach ihrem Schulabschluss in Hannover studierte sie Schauspiel an der Kunstuniversität Graz. Ihr autobiografisches Stück „Malenkaya Strana“ (Kleines Land) handelt vom Verlust der Heimat, der eigenen Wurzeln und vom Ankommen in einem neuen, fremden Land.