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Europas vergessene Kriegsflüchtlinge

Seit bald drei Jahren tobt in der Ukraine ein Krieg. Viele haben sich an den Konflikt gewöhnt. Doch was passierte mit den Millionen Menschen, die aus der Ostukraine geflüchtet sind? Eine Reportage aus Russland, Lwiw und Kiew.
Text und Titelbild: René Jo. Laglstorfer

Ein schweres, blau lackiertes Eisentor in einem Kiewer Industriegebiet öffnet sich nach einer 20-minütigen Taxifahrt quer durch die ukrainische Metropole. Hinter dem Tor wartet Anna Liferova, eine elegante Russin in ihren Vierzigern. Sie arbeitet ehrenamtlich für das private Flüchtlingsheim „Kinder von Donbass“.

Im Kiewer Flüchtlingsheim „Kinder von Donbass“ wohnen die Menschen in ehemaligen Büroräumen – wie etwa Jewgeni, 29, und seine einjährige Tochter Bochdana (c) Boris Böttger

„Derzeit leben 76 Personen bei uns, aber wir hatten auch schon 200 Flüchtlinge gleichzeitig“, erzählt Liferova über die meist aus der Ostukraine stammenden Bewohnerinnen und Bewohner. Laut internen Aufzeichnungen haben in den vergangenen zweieinhalb Kriegsjahren rund 35 000 Flüchtlinge in den 35 Zimmern des Quartiers gewohnt. Private Spender und internationale Organisationen, darunter das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen, UNHCR, unterstützen das Heim – die ukrainische Regierung ist nicht beteiligt. Die Bewohnerinnen und Bewohner müssen für ihr Einzel- oder Doppelzimmer im Heim keine Miete bezahlen, nur die Kosten für Strom, Wasser und vor allem Heizung übernehmen sie selbst. Angesichts strenger Winter kann das für die Bewohnerinnen und Bewohner schnell bis zu 28 Euro monatlich ausmachen. Das ist viel in einem Land, in dem Kindergärtnerinnen und Kindergärtner rund 40 Euro pro Monat verdienen.

Die Russen kommen

Liferova selbst ist eine von rund 3,2 Millionen Menschen in der Ukraine, die seit dem Ausbruch des bewaffneten Konflikts im Frühjahr 2014 aus dem Osten des Landes geflüchtet sind. Geboren wurde sie im russischen Rostow am Don. Kurz bevor die Sowjetunion 1991 zerbrach, zogen ihre Eltern mit ihr zu Verwandten in die Ukraine, aus Furcht, die Reisefreiheit könnte bald eingeschränkt werden. Liferova wuchs in der ostukrainischen Stadt Krasnyj Lutsch auf, die vor dem Krieg rund 80 000 Einwohner zählte. Sie ist heute Teil der international nicht anerkannten prorussischen „Volksrepublik” Luhansk. „Russische Lastwagen mit Soldaten kamen in meine Stadt und begannen Waffen auszuteilen. Jeder, der sich bewaffnen wollte, konnte das tun. Sie begannen in Häuser einzubrechen und Geschäfte zu plündern“, erzählt Liferova. Das war am 5. Mai 2014, zwei Monate nachdem Russland die Halbinsel Krim annektiert hatte.

Die Russin Anna Liferova leitet ein Flüchtlingsheim in Kiew, in dem bis zu 200 Menschen Schutz finden (c) Boris Böttger

Auch Ludmila Zdorovets ist im eigenen Land zum Flüchtling geworden. Sie hat im Mai Donezk, die größte ostukrainische Stadt, verlassen und ist in ihre Heimatstadt Dserschynsk übersiedelt, die rund 50 Kilometer weiter nördlich liegt. „Donezk war aufgrund prorussischer Demonstrationen nicht mehr sicher für mich, also ging ich zu meinen Eltern nach Dserschynsk. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, als dort zahlreiche Lkws mit bewaffneten Männern aus Russland einfuhren, begleitet von Polizeiautos unserer Stadtverwaltung“, erzählt Zdorovets. Am 21. Juli 2014 zog die ukrainische Armee und damit auch der Krieg in den Ort Dserschynsk ein, der 2016 als Folge der Entkommunisierungsgesetze in Toretzk umbenannt wurde. Das Zentrum der Kleinstadt wurde völlig zerstört: „Es war ein richtiger Kampf mit Panzern und Artillerie. Wir blieben zu Hause und warteten sieben, acht Stunden, bis die Schießereien aufhörten“, erzählt Zdorovets. „Aber wir waren froh, dass die ukrainische Armee gekommen war, um uns zu befreien.“

Angst vor der Armee

Zur selben Zeit wartete Liferova zwei Autostunden weiter im Osten vergeblich auf die Befreiung von Krasnyj Lutsch. Jeder in
der Stadt kannte die politische Einstellung der Vorsitzenden einer kleinen Organisation, die sich für beeinträchtigte Kinder engagierte. „Bewohner, die auf der Seite der Ukraine waren, wurden bestohlen und zusammengeschlagen, einer sogar so lan-
ge, bis er ins Koma fiel“, erzählt Liferova. Ein Bekannter vertrat sie bei einer Diskussion im Stadtparlament und wäre fast
erschossen worden. Sowohl die Russin Liferova als auch die Ukrainerin Zdorovets hatten anonyme Morddrohungen über das Internet erhalten: „Ich weiß, wo du lebst, wo dein Haus steht.“

Im Gegensatz zu Zdorovets waren die meisten ihrer Nachbarinnen und Nachbarn in Toretzk prorussisch. Sie verstanden nicht, warum das ukrainische Militär eingerückt war und so viel Schaden anrichtete. „Die ukrainische Armee wird uns umbringen“, diese Aussagen hörte die junge Frau von ihren aufgeregten Nachbarinnen und Nachbarn. Die meisten von ihnen flüchteten später über die russische Grenze. Laut UNHCR leben heute rund 1,15 Millionen ukrainische Flüchtlinge in Russland.

Eine von ihnen ist die 37-jährige Afina. Die Ostukrainerin stammt wie Zdorovets aus Donezk und ist 2014 mit ihrer kleinen Tochter Darina zu ihren Eltern ins nordrussische Murmansk gezogen. „Mein Mann lebt immer noch in Donezk, er wollte nicht weggehen“, sagt Afina, die ihren Mann ein- bis zweimal im Jahr sieht. Sie wünscht sich, dass die Ostukraine so wie die Krim ein Teil Russlands wird. „Dann würde ich zurückgehen.“

Serhii Stukanov, der in Kiew für „Radio Hromadske” arbeitet, kennt diese Einstellung: „Die prorussischen Ostukrainer wollten überhaupt nie eigene Volksrepubliken und unabhängig sein, sondern lediglich ein Teil von Russland werden.“ Der 32-jährige Journalist hat vor dem Krieg für die Zeitung „Den“ in Donezk gearbeitet. Im Juli 2014 ist Stukanov über Kiew ins westukrainische Lwiw geflohen. „Ich wollte nicht in einem von Russland besetzten Gebiet leben.“

Kampf um Freiheit

Laut Stukanov wurde der Konflikt in der Ostukraine nicht von den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort, sondern allein von Russland begonnen. Das bestätigt die ebenfalls aus Donezk stammende und nach Lwiw geflohene Unternehmerin Anna Samolyenko. In den beiden Monaten bevor ihre Familie in die Westukraine übersiedelte, bemerkte sie, dass sich viele
Russinnen und Russen in Donezk aufhielten. „Wir Ostukrainer sprechen zwar Russisch, aber mit einem anderen Akzent als in Russland. Wir wissen also sofort, wer von hier ist und wer nicht.“ Samolyenko ist überzeugt, dass russische Demonstrantinnen und Demonstranten bei den Protesten gegen den Euromaidan in Donezk waren, um den Eindruck zu erwecken, das Volk wäre für eine politische Orientierung an Russland. Samolyenkos Eltern wohnen etwa zehn Kilometer von der russischen Grenze entfernt in der „Volksrepublik Luhansk“. Sie beobachteten, wie kurz vor Kriegsausbruch fast jeden Tag Kolonnen russischer Lastwägen die Grenze überquerten. „Mein Vater ist Arzt und in seinem Krankenhaus tauchten plötzlich viele russische Soldaten auf. Ich bin sicher, das ist ein Krieg zwischen Russland und der Ukraine, wir erleben dieselbe Situation wie früher Tschetschenien und Abchasien.“ In den 1990er Jahren bekämpfte Russland tschetschenische Separatisten und unterstützte abchasische Milizen bei ihrem Unabhängigkeitskrieg von der früheren Sowjetrepublik Georgien. Seither ist Tschetschenien ein untrennbarer Teil Russlands und Abchasien de facto unabhängig, wenn auch international nicht anerkannt.

Umstrittene Volksabstimmungen

Für den Radiojournalisten Stukanow verteidigt die Ukraine nicht nur ihre eigene Freiheit, sondern auch jene von Mittel- und Osteuropa: „Zur Zeit der Sowjetunion war die Mehrheit der Bevölkerung in der Ostukraine pro-russisch eingestellt. Doch 1991 hat es in der ganzen Ukraine ein Referendum über die Unabhängigkeit gegeben, bei der auch im Osten und auf der Krim die Mehrheit mit ‚Ja‘ abgestimmt hat.“ Tatsächlich stimmten vor 25 Jahren rund 54 Prozent der Menschen in der Autonomen Republik Krim sowie etwa 84 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner in den Regionen Donezk und Luhansk für eine von Moskau unabhängige Ukraine. Bei den umstrittenen Referenden im Februar und Mai 2014 wurden auf der Krim sowie in der Ostukraine Ergebnisse zwischen 90 und 96 Prozent für den Anschluss an Russland sowie für die Selbstbestimmung der prorussischen Gebiete veröffentlicht. Die Vereinten Nationen (UN) und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bezeichneten die Referenden als ungültig.

„Deutschland, die USA und andere Staaten haben erkannt, dass das russische Vorgehen aus dem 20. Jahrhundert stammt und bereits von Hitler, Stalin und anderen angewandt wurde. Diese Methoden passen nicht in unser 21. Jahrhundert“, sagt der Journalist Stukanow. Er sieht einen schleichenden Prozess russischer Einflussnahme in Europa, bei dem militärische Konflikte zur Normalität werden und das Schicksal der geflohenen Menschen langsam in Vergessenheit gerät.

Hintergrund

Diese Reportage entstand während eines Auslandsstudienjahres an der Staatlichen Universität St. Petersburg in Russland sowie während der Recherchereise des Studiengangs „Journalismus & PR“ in der Ukraine. Die Protagonistinnen und Protagonisten dieses Beitrags hat der Autor unter anderem in einem Café im westukrainischen Lwiw, im Polarexpress-Zug am Weg ins arktische Murmansk sowie an verschiedenen Schauplätzen in Kiew, darunter der Maidan und ein Flüchtlingsheim, über ihre persönliche Fluchtgeschichte befragt.