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„Da ist Hoffnung für uns“

14.923 Menschen verlassen jährlich die Ukraine um in einem anderen Land ein neues Leben zu beginnen. Sie versprechen sich bessere Chancen auf eine Ausbildung, Arbeitsplätze und einen höheren Lebensstandard. Viele Jugendliche bleiben jedoch bewusst in der Ukraine. Sie kämpfen für ihr Land und wollen Ukrainerinnen und Ukrainern Hoffnung und Zukunftsperspektiven geben.
Text: Kerstin Quast

Eine bessere Zukunft für Studierende

Yana ist 22 Jahre alt, studiert Projekt-Management und schließt im Februar ihren Master ab. Sie kommt aus der kleinen Stadt Dolynska in der Nähe von Kiew. Für das Studium ist sie in die Hauptstadt gezogen. Neben ihrem Hauptstudium lernt Yana Deutsch. Außerdem spricht sie fließend Englisch und Russisch. Sie liebt es Sprachen zu erlernen und nützt dies vor allem um ihre Karrierechancen zu verbessern.

In der Ukraine gibt es durchschnittlich die meisten Studierenden weltweit. 2.5 Millionen von ihnen verteilen sich auf 350 Universitäten im ganzen Land. „Jeder, der in der Ukraine die Chance hat zu studieren, studiert“, sagt Yana. Ohne den Abschluss eines Studiums ist es beinahe unmöglich, eine legale Anstellung zu bekommen. Schon während dem Studium planen aber viele eine Zukunft im Ausland. Die meisten verlassen die Ukraine für bessere Karrierechancen und einen höheren Lebensstandard.

Eine Studie aus dem Jahr 2015 zeigt, dass drei Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer vor haben, das Heimatland zu verlassen. Wohlhabende Familien ermöglichen ihren Kindern nach dem Schulabschluss ein Studium in Polen, Tschechien oder Deutschland. Polen hat sich auf die ukrainischen Studierenden vorbereitet: Viele Universitäten versuchen ihre Studienplätze zu füllen, indem sie um Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine werben. Für sie ist es beispielsweise leichter ein Visum zu beantragen und ausgestellt zu bekommen.

Study Abroad in Österreich

Auch Antonina kommt aus Kiew. Sie studiert seit 2013 Bratsche in Graz. Die 25-Jährige ist damals dem Rat ihrer Schwester gefolgt, die bereits in Polen studierte und schrieb sich deshalb an einer österreichischen Universität ein. Ihre Eltern waren gegen ihren Plan, ins Ausland zu gehen: „Sie wollten, dass ich in der Ukraine bleibe. Sie sind patriotisch und arbeiten sehr hart für mich und meine Geschwister. Meine Mutter hat uns ein Haus gebaut; meine Eltern wollten dabei sein, wenn ich Kinder bekomme und haben sich gewünscht, dass meine Kinder Ukrainer sind”. Antonina will allerdings in Graz bleiben: „Ich möchte nach meinem Studium in einem Orchester spielen, vielleicht auch unterrichten“. Für einen Job in der Ukraine ist sie mit ihrer Ausbildung bereits überqualifiziert. Ihre Karrierechancen schätzt sie in Österreich wesentlich höher ein. „Orchester in der Ukraine nehmen nur ungern Frauen auf, weil diese in Karenzurlaub gehen können. Außerdem ist der Beruf der Musiklehrerin oder Bratschistin in Österreich besser bezahlt und weiter verbreitet“, erzählt Antonina.

Gemeinschaftsgefühl und Unabhängigkeit nach dem Euromaidan

Seit dem Euromaidan 2014 hat sich in der ukrainischen Gesellschaft ein Gefühl von Zusammenhalt und Gemeinschaft gebildet, so die Studentinnen. Menschen helfen einander, der Stolz und die Identifizierung mit dem eigenen Land werde stärker: „Die Revolution hat uns beigebracht, stolz auf die Ukraine und ihre Kultur zu sein. Zurzeit ist Tracht und traditionelle Musik sehr beliebt“, sagt Yana. „Es gibt Hoffnung für unsere Nation, denn junge Menschen arbeiten sehr hart für die Zukunft. Jetzt warten wir auf den großen Knall, darauf dass etwas Großartiges und Besonderes passiert, damit der Euromaidan es wert war.“ Doch Yana hofft nicht nur auf eine bessere Zukunft. Sie ist sich bewusst, dass die Menschen der Ukraine schon viel geleistet haben. Nächstes Jahr wird sie ein Auslandssemester in Wien beginnen. Danach will sie aber wieder in die Ukraine zurückkehren, nach einem Job suchen und mit ihrer Unterstützung die Ukraine ein Stück näher an Europa bringen.

Yana ist Studentin in Kiew, hat aber vor, ein Auslandssemester in Österreich zu absolvieren