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“Die Regierung wird die Probleme der Flüchtlinge nicht lösen”

In der TV-Talkshow Polilog.UA steht der Dialog im Mittelpunkt. Sie versucht sich als Vermittler innerhalb der ukrainischen Bevölkerung und erinnert immer wieder daran, dass sich Landesteile im Krieg befinden. Flüchtlinge erzählen von ihren Problemen, Experten bieten mögliche Lösungen. Die Macher der Talkshow sind überzeugt: Durch Gespräche kommt Verständnis.
Text: Daniela Schmid

Dialog steht im Mittelpunkt

Das Projekt „Polilog.UA“, bestehend aus einer TV-Talkshow und einem Onlineblog, wurde 2015 von Flüchtlingen aus der Ostukraine und der Krim entwickelt. Ziel ist es, die Beweggründe und Probleme der flüchtenden Ukrainerinnen und Ukrainer zu erklären und Verständnis dafür erreichen. Denn Binnenflüchtlinge, die aus dem Osten oder der Krim in andere Teile der Ukraine fliehen, stehen vor dem Nichts und kommen meist nur mit einem Koffer und ein paar Dokumenten in die neue Stadt. Bürokratische Wege dauern oft über ein Jahr. Paul Neuman, Chefredakteur der Talkshow, erzählt: „Die Regierung wird die Probleme der Flüchtlinge nicht lösen, sondern die Zivilgesellschaft. Unsere TV-Show soll dabei Vermittler sein und Raum für Diskussion und Dialog bieten.“

Das Team von Polilog.UA besteht aus etwa 25 Personen, die meisten von ihnen sind selbst aus den Kriegsgebieten der Ukraine geflohen. Einer von ihnen ist Dmitriy. Der 40-Jährige wurde in Donezk geboren, arbeitete als Journalist und lebte seit 2010 auf der Krim. „Als Russland die Krim annektierte, wusste niemand, was auf uns zukommt. Wir beschlossen die russischen Soldaten zu beobachten und auszuspionieren, um herauszufinden, wohin sie sich bewegten oder wie sie bewaffnet waren. Wir wollten unser Land beschützen“, erzählt er mit ruhiger Stimme. Doch Dmitriy und etwa 300 andere flogen auf, weil die Russen die Politik auf der Krim bereits in ihrer Hand hatten. Sie mussten so schnell wie möglich von der Krim fliehen. Einige von ihnen kamen so nach Kiew.

Paul Neumann
Paul Neuman, Chefredakteur der Talkshow, entwickelte gemeinsam mit Flüchtlingen Polilog.UA (c) Christoph Wünscher

Expertise und Hilfe für Flüchtlinge vor Ort

Für Polilog.UA war es wichtig vor allem geflüchteten Menschen aus dem Medienbereich zu helfen. Sie verstehen die Situation in den okkupierten Regionen und haben Erfahrung mit Medien. Das Projekt besteht aus zwei Komponenten: Einerseits aus dem aktuellen Onlineblog „Polilog.UA“ und andererseits aus der TV-Talkshow auf Channel 5, einem der größten Newssender in der Ukraine. In der Talkshow stehen geflüchtete Menschen und die Schwierigkeiten, mit denen sie in der neuen Heimat konfrontiert sind, im Mittelpunkt. Während der Show beraten Expertinnen und Experten, Abgeordnete, Anwältinnen und Anwälte sowie Vertreterinnen und Vertreter von NGOs die Betroffenen. Dabei wird vor allem versucht, Lösungen für die exemplarischen Probleme zu finden. Dialog und Erklärungen für die Situation stehen dabei im Zentrum, um Lösungen für die Fälle zu finden.

Zehn Folgen umfasst die erste Staffel der Talkshow, jede davon behandelt eine andere Problematik. Die vierte Folge dreht sich um eine fünfköpfige Familie. Sie kam in ein kleines ukrainisches Dorf und konnte dort ein über Spenden finanziertes Haus beziehen. Mittlerweile gehen die zwei älteren Söhne in die Schule des Dorfes und die Familie wird langsam in das Dorfleben integriert. Für die anwesenden Politikerinnen und Politiker in der Show zeigte dieses Beispiel, wie das Problem der geflüchteten Menschen auch ein wirtschaftliches Problem lösen kann. Dieser Umgang mit Binnenflüchtlingen könnte eine Maßnahme gegen die immer stärker werdende Urbanisierung sein. Durch den Sog der großen Städte stehen in den Dörfern viele Häuser leer. Örtliche Schulen müssen wegen zu geringer Nachfrage geschlossen werden. In den Städten wiederum müssen neue Wohnungen und Schulen gebaut werden, um der Nachfrage gerecht zu werden.

ExpertInnen und Experten diskutieren mit Betroffenen über relevante Probleme. Quelle: Polilog.UA

Flüchtlinge verstehen Hilfsbereitschaft falsch

Nicht immer verstehen ukrainische Anwohnerinnen und Anwohner, warum “fremde” Ukrainerinnen und Ukrainer in ihr Dorf ziehen und sich dort eine neue Existenz aufbauen wollen. Oftmals hätten sie Angst davor, dass die Immigrantinnen und Immigranten ihnen Arbeitsplätze oder Wohnraum wegnehmen könnten. Neuman erzählt aber auch von Hilfsbereitschaft gegenüber den neuen Nachbarinnen und Nachbarn. Die wird allerdings manchmal falsch verstanden. Als beispielsweise muslimische Flüchtlinge von der Krim in ein orthodoxes Dorf zogen, wollten die Menschen ihnen helfen und brachten Kleidung und Essen. Die Ukrainerinnen und Ukrainer konsumieren traditionell viel Schweinefleisch. Musliminnen und Muslime essen jedoch kein Schwein und lehnten das Essen ab. Diese Reaktion traf auf Unverständnis.

„Es gibt viele Schwierigkeiten in der einfachen Kommunikation. Ich bin davon überzeugt, dass Missverständnisse aus dem Weg geräumt werden können, wenn die Menschen miteinander reden“, erklärt Neuman und unterstreicht die Grundintention der Show. „Es wird viel zu oft vergessen, dass Flüchtlinge nicht nur die Quelle eines Problems, sondern auch die Lösung sein können.“