Zurück zum Content

Zwischen Fakten und Fakes: Der Ukraine-Konflikt auf Social Media

Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine findet nicht nur an der Front, sondern auch in den sozialen Netzwerken statt. Während Propaganda einen Großteil der Berichterstattung in den traditionellen Medien dominiert, geben Profile von Soldatinnen und Soldaten auf Vkontakte, Odnoklassniki und Co. neue Einblicke in den Krieg.
Text: Niklas Sieger

„Mein Arbeitsalltag als ukrainischer Journalist ist ein brutales Informationsschlachtfeld und ein beispielloser Propagandakrieg“, schrieb der ukrainische Journalist Maxim Eristavi in einem Gastbeitrag in der ZEIT ONLINE im Dezember 2015. Die wichtigsten Fernsehsender der Ukraine sind in der Hand von Oligarchen. Hinzu kommt, dass vom Kreml eine Propagandamaschine in Gang gesetzt wurde, um gezielt eine prorussische Stimmung zu erzeugen, berichtet Sergej Lebedew, freier Schriftsteller aus Russland. Tausende E-Mails aus dem Frühjahr 2016, die vom Account des Informationsministeriums in Donezk abgeschöpft wurden, belegen dies. In einem 41-seitigen Strategiepapier vom August 2015 geben die russischen Beraterinnen und Berater außerdem detailliert vor, wie die staatseigenen Medien in der Ostukraine die gewählte Regierung diskreditieren und über die USA als Initiator des Konflikts berichten sollen.

Wladmir Putin beim TV-Sender "Russia Today"
Für Wladimir Putin ein Heimspiel: Ein Besuch beim Propaganda-Sender Russia Today. Dessen YouTube-Kanal zählt mittlerweile fast zwei Millionen Abonnentinnen und Abonnenten. (Quelle: © kremlin.ru)

Der Wahrheit auf der Spur

Doch die Welt der sozialen Medien ist eine andere. Unabhängig von Herkunft, Bildung oder sozialer Schicht können Nutzerinnen und Nutzer ihre Meinungen und Informationen in den sozialen Netzwerken kundtun. Dementsprechend sind hier auch russische Soldatinnen und Soldaten vertreten. Indem sie auf Plattformen wie Vkontakte oder Instagram posten, werden sie zu Berichtererstatterinnen und Berichterstattern sowie Beweisquellen. Satellitengestützte Ortungsdaten in ihren Fotos – sogenannte Geolocations – geben wichtige Hinweise auf den Standort und belegen die Echtheit der Aufnahmen, erklärt Elliot Higgins, Gründer der Aufdeckungsplattform Bellingcat. Würden bei einem Foto solche Daten fehlen oder unrealistisch wirken, handle es sich meistens um einen Fake. Daher sei es laut Higgins wichtig, selbst nachzuforschen.

Russische Soldaten bereiten sich auf einem Militärstützpunkt in Perewalne (Krim) auf ihren Kriegseinsatz vor.
Russische Soldaten bereiten sich auf einem (ehemaligen ukrainischen) Militärstützpunkt in Perewalne (Krim) auf ihren Kriegseinsatz vor. (Quelle: © Anton Holoborodko)

Das hat auch der New Yorker Journalist Simon Ostrovsky getan. Er begab sich auf Spurensuche. Er folgte dem russischen Soldaten Bato Dambajew anhand der geografischen Markierung seiner Bilder und postete ähnliche Fotos von sich an denselben Standorten. So konnte Ostrovsky die Präsenz des Soldaten in der Ostukraine nachweisen, die Putin zum damaligen Zeitpunkt leugnete. Dambajew behauptete zwar, die Fotos seien ein Fake, doch nur wenige Tage später löschte er sie von seinem Profil.

Eine gewagte Strategie

Doch die Wahrnehmung der Russinnen und Russen ist beeinflussbar. Die Moskauer PR-Agentur Perfect Raise versucht aktuell ein positives Klima auf Social Media herzustellen, indem auf verschiedenen Plattformen die „Bruderschaft“ von Ukrainerinnen und Ukrainern mit Russinnen und Russen direkt kommuniziert wird. Laut Tatiana Zhurzhenko, Expertin für postsowjetische Identitätsfragen am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), handle es sich bei dieser Art der Kommunikation um den nächsten Schritt in dem andauernden Krieg. Somit scheint die Frage des ukrainischen Bloggers Yuri Biryukov aus Sicht der Ukrainerinnen und Ukrainern berechtigt: „Sollen wir die Russen hassen? Oder ist Hass das Los der Schwachen?”)

Die ganze Wahrheit zu erfahren bleibt auch in Zeiten von Social Media schwierig – man hat als Journalistin oder Journalist aber immerhin das Gefühl, ihr einen Schritt näher zu kommen.