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“Es war unmöglich, nicht für die Protestierenden zu sein”

Der Fotojournalist Alexey Furman begleitete ukrainische Soldaten beim Einsatz im Donbass, er berichtete von der russischen Annexion auf der Krim und von den Euromaidan-Protesten in Kiew. Alexey Furman ist 25 Jahre alt und arbeitet als Kriegsberichterstatter in Kiew. BLANK X traf ihn im Hotel Ukrajina, wo er während den brutalen Zusammenstößen im Februar 2014 wohnte.

Text: Sara Noémie Plassnig, Foto: Paul Bernhard, Übersetzung: Paul Krisai (English version)

 

BLANK X: Kriegsberichterstatter ist kein gewöhnlicher Job. Woran arbeiten Sie im Moment?

Alexey Furman: Wenn du so konzentriert darauf bist, über das Leben Anderer zu berichten, vergisst du auf dich selbst. Ich vermisse immer alle auf meinen Reisen. Derzeit arbeite ich an einer Langzeit-Dokumentation über schwerverletzte Kriegsveteranen, denen die Gliedmaßen fehlen, die Hände, die Augen. Ich will zeigen, wie sie zu einem friedlichen Leben zurückkehren.

Ihr Projekt zeigt die Brutalität des Krieges. Belastet Sie das nicht auch? Warum haben Sie das Thema gewählt?

Ich erinnerte mich an viele Geschichten, die mir bereits mein Vater über die Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg erzählt hat. Die kamen damals auch mit schlimmen Verletzungen zurück. Ich dachte mir, dass das für die Gesellschaft in der Ukraine ein riesiges Problem wird, weil wir keine Rehabilitationseinrichtungen haben.

Ist es ein politisches Projekt für Sie?

Ich will vor allem den Menschen im Westen zeigen, dass es den Krieg immer noch gibt. Jeden Tag werden Menschen verletzt. Doch der Fernsehjournalismus in der Ukraine verherrlicht die Soldaten vor allem. Die Herausforderungen, vor denen sie im täglichen Leben stehen, sind da egal. Ich habe einmal einen verletzten Soldaten und seine Mutter in ein Krankenhaus begleitet. Plötzlich tauchten zwanzig Nachrichtenjournalisten auf und gingen mit sechs oder sieben Kameras hinein. Die haben bis zum Abwinken auf die Verletzten gefilmt, die haben schon gezittert. Reporter sind wie Haie auf der Jagd nach dem dicksten Fisch.

Sie haben auch über die Proteste in Ferguson berichtet. War das anders, als über den Euromaidan zu berichten?

Ich war mit ein paar ehemaligen Studienkollegen in Ferguson und wir fotografierten für diverse Medien. Ich habe damals nicht einmal eine Maske oder eine schusssichere Weste getragen. Das war leichtsinnig. Auf der emotionalen Ebene war Ferguson für mich mit dem Euromaidan nicht vergleichbar: Über den Euromaidan zu berichten, war mehr als nur eine berufliche Aufgabe. Als ich anfing, war ich objektiv, doch nach ein paar Wochen war ich ein Teil dieser Menschen. Es war unmöglich, kein Teil von ihnen zu sein.

„Die ukrainische Unabhängigkeit war immer schon ein Kampf.“

Was war die Stimmung des Euromaidan?

Es war ein Geist von Freundschaft und die Mission sich zu vereinen. Ich vermisse das manchmal. Die ukrainische Unabhängigkeit war immer schon ein Kampf. In diesem Fall ein Kampf gegen die korrupte, pro-russische Regierung. Die russische Propaganda stellte den Euromaidan als politisch rechte Revolution dar, doch in Wirklichkeit waren Hunderttausende Menschen auf der Straße.

Wie würden Sie Ihren Bewusstseinszustand während der Proteste beschreiben?

Mein Rekord waren 37 Stunden, ohne nach Hause zu gehen, um zu schlafen. Wir alle spürten, dass wir dort sein mussten. Am Tag nach den Zusammenstößen in der Bankova-Straße im Dezember und der Hruschewskyj-Straße im Jänner sah man eine Menge ausländischer Fotografen. Sie wollten lediglich eine zusammenhängende, stimmige Geschichte der Proteste produzieren. Ich will ihre Arbeit nicht schlecht reden, auch sie haben ihr Leben riskiert. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass die Arbeit einheimischer Journalisten nicht als gleich wertvoll gesehen wird.

Was bringt Sie dazu, für Ihren Job Ihr Leben zu riskieren?

Es war keine Option, nicht über die Euromaidan-Proteste zu berichten. Persönlich vor Ort zu sein, war leichter als im Fernsehen zuzusehen. Ein paar Tage musste ich daheim verbringen, um Bewerbungen zu schreiben. Nicht bei den Menschen zu sein und nur im Fernsehen zusehen zu können, war schrecklich.

„Wir verließen das Hotel am Morgen, und als wir zurückkamen, lagen in der Lobby die Leichen am Boden.“

Es gab sicher Momente, in denen Sie Angst hatten. Wie bleibt man in solchen Situationen professionell?

Eigentlich wussten wir, dass die Polizei Gummigeschoße verwendete. Doch am 22. Jänner gab es die ersten Toten. Ab diesem Zeitpunkt wussten wir, dass die Situation sehr ernst ist und es kein Zurück mehr gibt. Es war schwierig, einen Platz zum Fotografieren zu finden, denn die Kugeln kamen von überall. Ich habe nicht viele Fotos vom 18. Februar, weil dieser Tag so schrecklich war. Wir verließen das Hotel am Morgen, und als wir zurückkamen, lagen in der Lobby die Leichen am Boden. Über 60 Menschen waren von Scharfschützen erschossen worden. An diesem und den zwei darauffolgenden Tagen konnte man den Maidan wirklich ein Kriegsgebiet nennen.

Wie fühlt es sich heute an, wenn Sie über den Maidan spazieren?

Vor dem Euromaidan ging ich hier oft spazieren und genoss die Stimmung am Platz, wenn ich einen freien Abend hatte. Jetzt komme ich nur hierher, wenn ich muss. Sonst nehme ich andere Straßen. Der Maidan ist kein Platz mehr für Feste, wie etwa die Neujahrsfeier.

Leiden Sie unter posttraumatischen Symptomen?

Es ist schwierig, mich selbst zu diagnostizieren. Aber ich denke, alle von uns haben so etwas. Vielleicht gehe ich irgendwann mal zu einem Psychologen. Nach meiner Zeit in der Ostukraine war es einfacher, im Kopf Abstand zu nehmen, denn ich ging für mein Studium in die USA. Wenn ich allerdings jetzt dorthin zurückfahre, ist es immer noch hart. Da kommen Erinnerungen hoch.

Welches Bild vom Euromaidan ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Viele. Wechseln wir einmal von den tragischen Ereignissen zum Anfang des Euromaidan: Da herrschte eine friedliche Atmosphäre unter den vielen Studierenden, da waren junge Menschen, verliebte Pärchen. Einmal kam ich vor Sonnenaufgang auf den Maidan und da saß ein Pärchen auf den Stufen, eingewickelt in eine Decke. Es hilft, sich an solche Momente zu erinnern.

Das Originalinterview wurde auf Englisch geführt und ist hier abrufbar.