Es ist alles gesagt. Es ist alles gedacht. In der Literatur beschriebene Utopien und Dystopien sind Realität geworden. Was nun? blank|2-Autorin Stefanie Lehrner auf der essayistischen Suche nach unserer kulturellen Zukunft.
„Daß der Mensch grundsätzlich im Nirgendwo steht, wird ihm erst in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche bewußt.“
Erik Zyber
Wir befinden uns: an einem Nicht-Ort, an einem Anderswo, auf einer fernen Inselprovinz. Wir schreiben das Jahr... Nun, vielleicht schreiben wir gar nicht – oder nicht mehr. Wir leben 1984 in der schönen neuen Welt. Bücher gibt es nicht mehr, denn sie wurden bei Fahrenheit 451 verbrannt. Das Clockwork Orange tickt. Was uns treibt ist die Möglichkeit einer Insel, auf unserem Weg nach Eden oder unserer Odyssee in den Weltraum. Nun, vielleicht leben wir gar nicht – oder nicht mehr. Wir begnügen uns damit zu existieren.
Wer wird uns in Zukunft lehren, wie wir leben sollen? Welcher Meister erklärt uns die Regeln für das Glasperlenspiel? Wer erzählt uns vom Mythos des Sisyphos, damit wir wissen, wie wir den Stein auf den Berg zu rollen haben? Ein totalitäres Regime, Big Brother, ein anarchistischer Cyber-Staat? Das globale Dorf, eine Gelehrtenrepublik oder eine virtuelle Welt 2.0? Und nicht nur von wem, sondern vor allem wie werden wir in Zukunft lernen? Indoktriniert uns ein „einziger Staat“ die Regeln ein, wird uns schon als Embryo eingepflanzt, wer wir zu sein haben, machen wir uns die Vorteile der modernen Wissensgesellschaft zu Nutze? Was bestimmt, wer wir sind? Eine Zahl, ein genetischer Code, eine Hierarchiestufe: lieber ein D-503 oder ein Gamma, ein Bully Banger oder doch ein Perf, Wilder oder Cyberpunk, emotionsloser Neomensch oder der perfekte Mensch? Wie weit liegen Utopie und Dystopie, Science Fiction und Realität, Mensch und Maschine noch auseinander?
Dystopia
Chancen bergen Risiken und Risiken bringen Chancen. Zukunftsvisionen utopischer Romane wie Das Glasperlenspiel
, Brave new world
oder Der Weg nach Eden
zeichnen ein Welt- und Menschenbild, das Jahre später gar nicht mehr so weit von der Realität entfernt zu sein scheint. Kunst war schon immer eine Art Sensor, der sensibel auf gesellschaftliche Entwicklungen reagiert und zukünftige Stoßrichtungen der Menschheit erahnt. Indem die Utopie die Grenzen unmittelbarer Wirklichkeit überschreitet oder zumindest ihre Grenzen aufweicht, indem sie auf soziale und politische Missstände aufmerksam macht, kommt ihr eine besondere Bedeutung für Gesellschaftskritik zu. Noch drastischer kommt das in Dystopien zum Ausdruck. Die Dystopie ist die Anti-Utopie – eine Utopie mit negativen Vorzeichen. Sie ist als düstere Zukunftsvision zu sehen, die vor den Auswüchsen von derzeitigen Gesellschaftsentwicklungen warnt. Der Roman Wir
(1924) des russischen Schriftstellers Jewgenij Samjatin bildet den Anfang der klassischen dystopischen Literatur. Er zeichnet ein Schreckensbild einer totalitaristischen Gesellschaft, die nur an Fortschritt, Wissenschaft, Technik und Rationalität orientiert ist und in der alle funktionieren wie einer. Zu den bekanntesten Dystopien zählt Brave new world
(1932) von Aldous Huxley. In der „schönen neuen Welt“ werden perfekte, glückliche Menschen herangezüchtet denen jedes Recht auf Individualität und Freiheit geraubt worden ist. Schon als künstlich befruchtete Embryos, die in Reagenzgläsern erzeugt werden, wird den Gamma-, Delta- und Epsilonmenschen beigebracht, welche Rollen sie im Staat einzunehmen haben. 1984
(1948) von George Orwell ist an Schrecken und Bedrängnis kaum zu überbieten und zeichnet sich durch ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit aus. Man kann sich diese Welt vorstellen, in der alles nur Fassade ist, in der man nicht aus der Reihe tanzen darf und unter ständiger Beobachtung steht – ein Überwachungsstaat, in dem nicht einmal die Gedanken frei sind. „Big Brother ist watching you“ bzw. „der gläserne Mensch“ sind mittlerweile geflügelte Worte geworden. Eine Welt ganz ohne Bücher entwirft Ray Bradbury in Fahrenheit 451
(1953). Feuerwehrmänner wie der Protagonist Montag haben die Aufgabe alle Bücher der Erde zu verbrennen. Nur ein paar Konterrevolutionäre sind daran interessiert dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, indem sie selbst zu lebenden Büchern werden.
Der Homo utopicus
Wir stehen heute fast unüberschaubar schnell voranschreitenden Entwicklungen gegenüber, die noch vor 50 Jahren undenkbar erschienen und als Gedankenspiele oder Fiktion abgetan wurden. Mit der Internettechnologie und der zunehmenden Digitalisierung unserer Welt haben sich neue Handlungs– und Möglichkeitsräume ergeben, die die Tür in Richtung virtuelle Welt öffnen. Darauf antworten auch die Cyberpunkromane heutiger Zeit. Zum Beispiel „Der Weg nach Eden“ (2001) von Rodman Philbrick dreht sich um eine fiktive Welt, in der digitale Logshows „Trendies, Shooters, Sexies“, die man sich direkt ins Gehirn laden kann, die reale Welt Schritt für Schritt ersetzen. Vernetzte Medien sind fixer Bestandteil unserer postmodernen Informationsgesellschaft geworden, was mit einer enormen Zunahme an (kollektivem) Wissen einhergeht. Der reizüberflutete, moderne Mensch muss sich nun in dieser Fülle zurechtfinden. Das macht eine neue Ausbildung an Schulen und Universitäten notwendig, die Kinder adäquat auf die neuen Herausforderungen vorbereitet. Umstritten wird das Glasperlenspiel
(1943) von Hermann Hesse in diesem Kontext betrachtet – sehen in ihm manche reine Fiktion, bezeichnen es andere als Gedankenexperiment und Vorläufer des Internet, das die vernetzte, virtuelle Welt die mittels einer Universalsprache kommuniziert prophezeit hat. Mittlerweile hat sich utopisches Denken aus dem Literaturkontext emanzipiert. Es wird vielmehr als Zukunftsgestaltung gesehen. In einschlägigen Werken, zum Beispiel Homo utopicus
(2007) von Erik Zyber, wird der Mensch als Wesen beschrieben, das ursprünglich die Fähigkeit zur Utopie besitzt. Das führt zu einer neuen Welt- und Selbstauffassung des Menschen, der sich seiner Verantwortung und seiner Gestaltungsmöglichkeiten in der Welt bewusst wird. Also: Mut zur Utopie!



